Brief von Arnold Schönberg an Josefine Redlich, 7. Oktober 1902
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Im Wiener Carltheater, dessen musikalische Leitung Alexander Zemlinsky 1900 übernommen hatte, gastierte 1901 das von Ernst von Wolzogen gegründete literarische Kabarett »Überbrettl« aus Berlin. In seinen Memoiren »Wie ich mich ums Leben brachte« berichtet Wolzogen über seine Begegnung mit Arnold Schönberg: »In die Zeit, während wir in Wien am Carltheater gastierten, fiel das jüdische Versöhnungsfest, und Oskar Straus durfte am Abend dieses Tages auf Befehl seines reichen Erbonkels nicht auftreten.
Er führte mir als seinen Stellvertreter für diesen Abend einen jungen Musiker zu von kleiner Gestalt, harten Gesichtszügen und dunkler Hautfarbe, dessen Name, Arnold Schönberg, damals noch gänzlich unbekannt war.« Oskar Straus’ Stellvertreter komponierte zwischen April und September 1901 acht Lieder aus der von Otto Julius Bierbaum herausgegebenen Anthologie »Deutscher Chansons« und bot sie dem »Überbrettl« an. Wolzogen erwarb aus dem Kompendium für die Winterspielzeit 1901/02 zwei Nummern. Die nach ihrem Entstehungsanlaß benannten »Brettl-Lieder« führten zu einer Anstellung Schönbergs als Kapellmeister am »Überbrettl«, die er am 16. Dezember 1901 in Berlin antrat. Der Vertrag wurde bis Ende Juli 1902 abgeschlossen. Trotz anfänglicher Popularität bei der feinen Berliner Gesellschaft wurde das Theaterunternehmen ein wirtschaftlicher Mißerfolg, Wolzogen stieg im Juni 1902 schwer verschuldet aus und Arnold Schönberg kehrte 1903 nach Wien zurück.
Bei einer Auktion in London erwarb das Archiv den nunmehr frühesten in unserer Sammlung befindlichen, autographen Schönberg-Brief vom 7. Oktober 1902. Adressatin des Schreibens ist Josefine Redlich, Frau des Baurats Carl Redlich, Widmungsträger der Sechs Lieder op. 3. Schönberg und seine Frau waren des öfteren in der Villa Redlich in Reichenau zu Gast, nach seiner Übersiedlung nach Berlin ließ Carl Redlich dem Komponisten finanzielle Unterstützung zukommen. Bereits Anfang 1902 hatte Schönberg von den Redlichs anläßlich der Geburt seiner Tochter Gertrude 100 Mark erhalten, in seinem Brief vom Oktober bittet er um weitere Unterstützung durch den Mäzen, da die erhoffte Vertragsverlängerung bei Wolzogen nicht zustande gekommen war. Wie das Dokument belegt, war Schönbergs finanzielle Situation zu dieser Zeit äußerst prekär: »Dadurch, dass ich alles, – alles! – versetzt habe, ist es mir gelungen über den Umzug und die ersten paar Tage hinauszukommen. Aber jetzt ist es dann auch zu Ende. Der Kerl – der mit der Operette – verspricht zwar, mir bestimmt am 20. zu zahlen, aber was ich bis dahin machen soll, weiß ich nicht, wenn Sie mir nicht aushelfen.«


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