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Brief von Arnold Schönberg vom 11. Juni 1912 an die Verlage Adolph Fürstner und N. Simrock
Konzertskandale, die nicht zu realisierende zweite Karriere als Portraitmaler, gescheiterte Verhandlungen über eine Professorenstelle an der Wiener Musikakademie und ein bis zu gerichtlichen Instanzen eskalierter Streit mit seinem Vermieter bewogen Arnold Schönberg im Herbst 1911 zu einer zweiten Übersiedlung nach Berlin. In der Zeitschrift »Pan« wurde von befreundeten Musikern und Publizisten ein Aufruf zur Anmeldung als Schönbergs Kompositionsschüler veröffentlicht, mit dem Direktor des Stern’schen Konservatoriums wurde für das kommende Jahr eine Vortragsreihe über »Ästhetik und Kompositionslehre« vereinbart. »Sie glauben gar nicht, wie ›berühmt‹ ich hier bin. Ich schäme mich ja selbst fast, es zu gestehen. Überall kennt man mich. Man erkennt mich nach meinen Bildern. Man kennt meine Biografie, meine Eigenheiten, weiß von meinen ›Skandalen‹ und fast mehr als ich, der ich so etwas bald vergesse.« (Schönberg an seinen Wiener Verleger Emil Hertzka, 31. Oktober 1911) Die Anfangseuphorie der ersten Berliner Wochen wich bald einem kräfteraubenden Kampf um ein langfristig gesichertes Einkommen, das mangels der erwarteten zahlreichen Anmeldungen zu seinem Kompositionsunterricht im Verkauf von noch unverlegten Werken zu erhoffen war. Die Kapazitäten der Universal Edition liefen im Herbst/Winter 1911 mit der Veröffentlichung von »Pelleas und Melisande« und der »Harmonielehre«, einer zweiten Auflage der Klavierstücke op. 11 sowie der Stimmen zum II. Streichquartett op. 10 in Sachen Schönberg bereits auf Hochtouren, im Frühjahr 1912 folgten die Wiederauflagen der Lieder op. 1 – 3 und op. 6, der Partitur zum II. Streichquartett, der Taschenpartitur und Stimmen zur »Verklärten Nacht« op. 4 sowie zum Ersten Streichquartett op. 7. Schönberg konnte in dieser Phase keine weiteren Verträge mit der UE abschließen und suchte daher unter den deutschen Verlagen nach Alternativen. Mit dem Leipziger Verlag C.F. Peters konnte eine Vereinbarung zur Veröffentlichung der Fünf Orchesterstücke op. 16 erzielt werden, Tischer & Jagenberg sollten das Chorwerk »Friede auf Erden« op. 13 verlegen. Dennoch hing sein wirtschaftliches Überleben noch von weiteren Verkäufen ab, die er vor allem im Frühjahr 1912 zu forcieren versuchte.
Das Archiv konnte einen bisland unbekannten autographen Brief vom 11. Juni 1912 erwerben, der – wie entsprechende Antwortschreiben belegen – zeitgleich an die Verlage Adolph Fürstner und N. Simrock in Berlin gerichtet war: »Sehr geehrter Herr, ich erlaube mir die Anfrage, ob Sie Interesse für meine Werke haben und bereit wären eines oder das andere zu verlegen.« Zu den in Frage kommenden Werken zählten die Kammersymphonie op. 9, für die bereits ein Offert des Verlages Bote & Bock vorlag, und die George-Lieder op. 15, die Schönberg am selben Tag auch Emil Hertzka anbot. Die auf das Schreiben in Berlin erfolgten Unterredungen blieben erfolglos, da etwa Simrock befürchtete, durch Übernahme eines Werkes in Konflikt mit dem Vertrag zu geraten, den Schönberg 1909 mit der Universal Edition abgeschlossen und darin der UE das Prioritätsrecht an sämtlichen Werken für zehn Jahre zugesichert hatte.
Autographer Brief Arnold Schönbergs an den legendären Pianisten Eduard Steuermann vom 8. November 1916
Arnold Schönberg verfügte im Jahr 1951, seine gesamte Korrespondenz – darunter die an ihn gerichteten Briefe im Original sowie jene von ihm verfaßten Briefe in Form von Durchschlägen – nach seinem Tod in der Library of Congress in Washington aufzubewahren. In seinem Nachlaß befinden sich als autographe Dokumente somit lediglich Entwürfe oder nicht abgesandte Briefe sowie jene Korres-pondenz, die durch Schenkung der Adressaten oder anderer Personen als sogenannte »Satellite Collections« im Arnold Schönberg Center zugänglich sind. Ein Gesamtverzeichnis der rund 8.000 Briefe von und 12.500 an Schönberg wurde im »Journal of the Arnold Schoenberg Institute« (Vol. XVIII/XIX, June & November 1996 – June & November 1997) veröffentlicht und ist zudem als Kurzfassung im Internet unter http://www.schoenberg.at/archiv/archiv11.html abrufbar.
Eine entsprechende Rarität ist ein in der Korrespondenz-Datenbank bislang nicht verzeichneter autographer Brief Arnold Schönbergs an den legendären Pianisten Eduard Steuermann vom 8. November 1916, den unsere Stiftung am 4. Dezember 1998 bei Sotheby’s London erwerben konnte.
Schönberg lernte Steuermann über Ferruccio Busoni in Berlin kennen und wurde im Jahr 1912 sein Kompositionslehrer. Auf seine Anregung hin konzipierte der junge Pianist, der im Kreis der Wiener Schule vor allem als Interpret in Erscheinung trat und mehrere Werke seines Lehrers uraufführte, die Klavierauszüge zu dessen Bühnenwerken »Erwartung« und »Die Glückliche Hand«. Es folgte eine Transkription der Kammersymphonie für 15 Soloinstrumente op. 9 und eine Bearbeitung des Streichsextetts »Verklärte Nacht« für Klaviertrio. In Amerika entstanden später Auszüge von Schönbergs »Ode to Napoleon Buonaparte« sowie des Klavierkonzertes.
Nachdem Eduard Steuermann bei einer Musterung für den Militärdienst an der Front im Ersten Weltkrieg untauglich erklärt wurde, trat er dem Sanitätsstab bei und war 1916 in Przemysl als Corporal stationiert. Ein musikliebender Sanitätschef ermöglichte ihm ungehindertes Klavierüben und Konzertieren (teilweise in militärischen Einrichtungen). In Przemysl arbeitete er neben der Komposition von Liedern an der Transkription von Schönbergs Erster Kammersymphonie für Klavier zu zwei Händen: »Ich habe einen derartigen Auszug schon früher begonnen. Ich übersehe allerdings noch nicht ganz die Schwierigkeiten […]«. (Brief vom 24. Oktober 1916) Für ein von der Konzertdirektion Heller in Wien organisiertes Konzert unter seiner und Schönbergs Mitwirkung, das entweder von Steuermanns Schwester Rosa oder Salka vermittelt wurde, bat er seinen Lehrer um dramaturgische Beratung. Schönberg antwortete am 8. November 1916:
»Lieber Steuermann, der angekündigte Besuch Ihrer Schwester ist ausgeblieben: so habe ich also mit der Beantwortung Ihres Briefes umsonst gewartet. In Kürze aber das Konzert: welche 2 Klavier-Konzerte wollen Sie denn spielen? Ich muß die ja auch studieren. die Solonummer: meine Klavierstücke, vielleicht beide Serien, wär mir ganz recht. Noch lieber allerdings wäre mir die Kammersymphonie 2hdg. Das ist eine sehr gute Idee. Haben Sie vom Auszug schon viel fertig? Sie müssen das natürlich mit großer Freiheit machen und insbesondere auf plastischer Herausarbeitung einer oder 2er Hauptstimmen anlegen. Ich bin jedenfalls sehr begierig, das zu lesen und zu hören. Haben Sie schon eine Entscheidung über das Konzert? Sie wissen wohl schon, daß ich seit ca. 3 Wochen enthoben bin? Endlich; es hat lange genug gedauert. Lassen Sie bald von sich hören. Herzl. Gruß Schönberg«
Steuermann berichtete hierauf am 13. November 1916 an Schönberg, der – wie er in seinem Schreiben festhielt – kurz zuvor aus dem Heer entlassen wurde, daß neben den Klavierstücken op. 11 die Klavierkonzerte in B-Dur von Johannes Brahms und Es-Dur von Ludwig van Beethoven aufgeführt werden sollen und der »erste Satz« der Kammersymphonie beinahe fertiggestellt sei: »Es fällt mir an manchen Stellen schwer, ohne ihre spezielle Einwilligung gewisse Freiheiten zu nehmen; ich werde sobald ich fertig bin unbedingt trachten auf kurze Zeit nach Wien zu kommen um Ihr Urteil […] und Verbesserungen einzuholen. Das Schwerste ist natürlich die Durchführung und mehrere Stellen der Wiederholung und des Schlusses.« Eduard Steuermann spielte seine Transkription der Kammersymphonie für Klavier zu zwei Händen erstmals am 3. Januar 1921 im »Verein für musikalische Privataufführungen«. Josef Rufer berichtete dem zu dieser Zeit in Holland weilenden Schönberg: »Fabelhaft Steuermann mit der ›Kammersymphonie‹!! Es soll einer der schönsten Abende überhaupt gewesen sein.« Es folgte 1922 eine Aufführung in privatem Kreis bei einem Empfang Alma Mahlers für die Les Six-Mitglieder Francis Poulenc und Darius Milhaud auf der Hohen Warte im Beisein des Komponisten. Die Bearbeitung wurde noch im selben Jahr bei der Universal Edition in einer ungründlich redigierten Fassung veröffentlicht, die Schönberg verstimmte. Steuermann entgegnete am 4. Februar 1923: »Ich habe natürlich nicht gewußt, daß so viele Fehler im Manuskript geblieben sind und bin ganz entsetzt, daß Sie sich darüber ärgern mußten und so viel Ihrer Zeit für die Verbesserung meiner Arbeit verwenden mußten.«
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