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Kriterien für die Bewertung von Musik
[…] Der Stil in der Kunst ändert sich ungefähr alle zehn bis fünfzehn
Jahre. Und fast unvermeidlich ändert sich die Bewertung mit
dem Stil. Eine der sichersten Methoden, Aufmerksamkeit zu
erregen, ist, etwas zu tun, was vom Üblichen abweicht, und nur
wenige Künstler haben das Rückgrat, dieser Versuchung zu
widerstehen. Ich muß bekennen, daß ich zu jenen gehörte, denen
nicht viel an der Originalität lag. Ich pflegte zu sagen: »Ich versuchte immer, etwas ganz Konventionelles zu schaffen, aber es
mißlang mir und gegen meinen Willen wurde es immer etwas
Ungewöhnliches!« Wie recht hat daher ein Musikliebhaber, der
sich weigert, Musik zu würdigen, die der Komponist selbst gar
nicht schreiben wollte!
Und ist es unwahrscheinlich, daß jemand, der sein Portrait
in Auftrag gibt, es verabscheut, so auszusehen, wie ein expressionistischer
Maler, dessen Vorstellung auf der Psychoanalyse
beruht, glaubt, daß er aussehen solle? Andere wieder möchten
nicht als Opfer der Unbestechlichkeit einer Schnappschuß-Aufnahme
erscheinen. […]
In der Literatur, Malerei, Bildhauerei, Architektur und
in anderen Künsten scheint es, daß der Mann auf der Straße und
andere Uneingeweihte noch eher Zugang zu der Bewertung
haben, die sich vom Sujet, vom Gegenstand, von der Handlung
eines Werkes her anbietet. Wie inadäquat solche Gesichtspunkte
sind, ist am besten am Fall der großen Anzahl von Malern zu
sehen, die schon in die Akademie der Unsterblichen aufgenommen
worden sind: die El Grecos, van Goghs, Gauguins,
Kandinskys, Kokoschkas, Matisses, Picassos.
Da Stilwandel in der Kunst nicht immer Weiterentwicklung
bedeutet, mag es vielleicht äußerst schwierig sein, Kriterien
aufzustellen, die in jeder Kunstepoche ihre Gültigkeit behalten.
Aber die Sinnlosigkeit einer Wertung, die äußerlichen Kriterien
entspringt, bleibt durch die Jahrhunderte offenkundig. […]
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Arnold Schoenberg: Style and Idea. New York
1950, p. 181 ff.
Die Entstehung des Aufsatzes, der in Style and
Idea publiziert wurde, erstreckte sich über
etwa zwei Jahrzehnte, erste Spuren sind 1927
in Bezug auf den Plan eines Vortrages in Paris
zu belegen, wobei hier entscheidende Dokumente
zu fehlen scheinen, die Hauptarbeitsphase
fand im Frühjahr 1946 im Zuge der Erarbeitung
eines Vortrages an der University of
Chicago statt, weitere Korrekturphasen im Frühjahr
1949 für die Publikation.
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