|
Malerische Einflüsse
Es ist nötig, dass ich selbst eine Reihe von Unrichtigkeiten klarstelle,
die über mich verbreitet wurden!
Ich beginne mit der Berichtigung einer Lüge, deren Urheber
sie wahrscheinlich ausgestreut hat, um sich an mir zu rächen.
Dr. Paul Stefan, dem ich meine Verachtung scheinbar etwas zu
deutlich bekundet habe, behauptet, ich sei von einem Maler
beeinflusst gewesen und der Herr Dr. Wellesz, der andere
Biograph, mit dem ich gesegnet bin, druckt es in der Form nach,
dass ich von Kokoschka beeinflusst war.
Eigentlich, um diese Lügen als solche zu erkennen, genügt es
1. zu wissen, dass Dr. Stefan, wenn er die Wahrheit sagen
will, auch lügt, weshalb seine Biographie von Unrichtigkeiten
wimmelt. Man könnte nun glauben, dass, wenn er lügen will, er
die Wahrheit sagen müsste. Aber die Wahrheit ist für ihn
unerkennbar und vor Allem unausdrückbar und so sagt er eben
einfach eine andere Lüge;
2. braucht man bloß meine 1910 (zehn) gemalten Bilder anzusehn
und sich vorzustellen, dass ich doch, wenn beeinflussbar,
von den Bildern eines Malers beeinflusst hätte sein müssen und
zwar als Maler.
3. Vergleicht man aber meine Bilder mit denen Kokoschkas,
so muss man ihre vollkommene Unabhängigkeit ohne Weiteres
erkennen. Ich habe Blicke gemalt, was ich schon anderswo gemalt
habe. Das ist etwas, was nur ich getan haben konnte, denn es ist
aus meiner Natur heraus und ist der Natur eines wirklichen Malers
vollkommen entgegengesetzt.
Ich habe niemals Gesichter gesehen, sondern, da ich den
Menschen ins Auge gesehen habe, nur ihre Blicke. Daher kommt
es auch, dass ich den Blick eines Menschen nachmachen kann. Ein
Maler aber erfasst mit einem Blick den ganzen Menschen – ich nur
seine Seele.
4. Denkt man aber an den gewissen Herrn Gerstel, so steht
diese Sache so. Als dieser Mensch in mein Haus eindrang, war er
Schüler Lefflers, dem er angeblich zu radikal malte. Aber es war
nicht gar so radikal, denn sein Ideal, sein Vorbild, war damals
Liebermann. In vielen Gesprächen über Kunst, Musik und alles
Mögliche habe ich an ihn soviel an Gedanken verschwendet, wie
an jeden, der nur zuhören wollte. Wahrscheinlich hat ihn das in
seinem zur Zeit noch sehr zahmen Radikalismus dermaßen
bestärkt, dass, als er einige recht missglückte Versuche zu malen
sah, die ich anstellte und ihm zeigte, er deren klägliches Aussehen
für Absicht hielt und ausrief: »Jetzt habe ich von Ihnen gelernt,
wie man malen muss.« Ich glaube Webern wird das bestätigen
können. – Unmittelbar darauf begann er »modern« zu malen.
Ich habe heute kein Urteil darüber, ob diese Bilder irgend etwas
taugen. Sehr begeistert war ich nie.
Es wundert mich wenig, dass diese Lügen so gerne geglaubt
werden. Denn Lügen besitzen viel mehr Ueberredungskraft, als
die Wahrheit. Zudem passt es so recht in die Unklarheit, die für
das Denken der Durchschnittsmenschen so charakteristisch ist.
Auf diese Art arbeitet ihr Gehirn
1) Schoenberg hat etwas originelles komponiert
2) Also ist es nicht von ihm (ohne Angabe von
Gründen), sondern
3) er hat es von einem anderen.
Aber:
Die Idioten fragen nicht:
Woher hat es dieser Andere?
__________
Arnold Schönberg Center, Wien (T 04.29)
Datiert: 11. Februar 1938.
|