Gewissheit

Es ist für den Künstler gar nicht schwer, über sein Schaffen etwas zu sagen, wenn er bloß falsch beobachtet. Dann stellt sich, je nach Geschmack, alles klassisch einfach oder romantisch kompliziert dar; eine deutliche Bahn wird durchmessen; Ziele sind erreicht oder sichtbar; Manier ist Stil, Stil Persönlichkeit, Persönlichkeit Erlöser oder Luzifer – je nach Geschmack; jedenfalls ist alles so selbstverständlich, wie es der glatteste Biograph nicht glatter zustandebrächte. Es ist möglich, daß es Künstler gibt, die mit so großer Sorgfalt die vorgezeichnete Bahn ihrer Biographie ausleben, durchbrochenen Gesetzen die gleiche Pflichttreue bezeigen, wie andere erhaltenen, sich aus jeder Freiheit eine Fessel zu gestalten vermögen, nicht aber imstande sind, im Bewußtsein der Fessel ihres inneren Gesetzes sich frei zu fühlen. Wenn Schaffende solcher Manier Künstler sind, so darf man sie um die Blindheit beneiden, die sie solche Glätte sehen läßt.

Ich bin nicht so glücklich.
Wenn ich nach einer Schaffenspause voll Arbeitslust an künftige Werke denke, dann liegt meine zukünftige Richtung stets so klar vor mir, daß ich – heute wenigstens – gewiß sein kann, sie wird anders, als die meiner Vorstellung. Daß ich wende, vielleicht mich drehe, wirbelnd drehe, ist noch erratbar; wo ich stehe, wo ich stand – es kann nur an meiner Blindheit liegen, daß ich das nicht wahrnehme. Nur eines zeigt sich bald: daß das Neue mir so fremd und unverständlich erscheint, wie seiner Zeit und zeitweilig das Alte; daß mir, solange dieser Zustand dauert, Älteres verständlicher vorkommt, bis schließlich das letzte Neue mir scheinbar vertrauter wird und ich zu verstehen aufhöre, wie ich früher anderes als solches schreiben konnte.

Ja, wenn man gut beobachtet, werden einem diese Dinge allmählich unklar. Man beginnt zu begreifen, daß man nicht bloß dazu bestimmt ist, die Zukunft nicht zu erraten (sie bloß darzustellen), sondern auch, die Vergangenheit (die man schon dargestellt hat) zu vergessen. Man gewinnt ein Gefühl treuester Pflichterfüllung, wenn man, obwohl man’s anders wünscht, nicht tut, was einem in der Vergangenheit heilig war und verrät, wozu die Zukunft zu locken schien, und beginnt im stillen, sich seiner Blindheit bei sehenden Augen zu freuen.

Sehr selten jedoch; und sehr heimlich; es könnte ein zartes Geheimnis darunter leiden: man hat augenblickelang das zurückgelegte und das noch zurückzulegende Stück auf einmal gesehen und war befriedigt.

Mehr kann ich von meinem Schaffen nicht sagen.
Weniger eher: auch ich könnte ein expressionistisches Programm aufstellen.

Besser aber noch eines bloß für andere. Ich bin gewiß, sie würden es erfüllen und mich dadurch jeder weiteren Verpflichtung entbinden.
Vielleicht tue ich es auch einmal.

Einstweilen aber noch eines:
Ich kann niemandem empfehlen, sich so gehen zu lassen; es soll wenig Vorteil bringen; das darf es nicht.
Und daß man sich damit interessant macht, ist auf die Dauer nicht wahr.
Wenn man nichts Besseres kann, mag’s sich vielleicht noch lohnen.

Aber wehe – – – – !

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Arnold Schönberg Center, Wien (T 14.20)

Verfaßt 1919 als Antwort auf ein Rundschreiben von Kasimir Edschmid, das an Maler, Architekten, Dichter und Komponisten versandt wurde (darunter Paul Klee, Lionel Feininger, Max Beckmann, Wilhelm Lehmbruck, Hans Pölzig und Ludwig Meidner); veröffentlicht in: Schöpferische Konfession. Herausgegeben von Kasimir Edschmid. Berlin 1920 (Tribüne der Kunst und Zeit. 13.); Nachdruck in: Musikblätter des Anbruch 4 (1922), Heft 1/2, p. 2 – 3.

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