Die Kunst des Karikaturisten. Ein Entwurf

Ich habe seit je keinen Grund, auf mein Äußeres eingebildet zu sein – wer mich von früher kennt, kann jedoch bestätigen, daß ich in meiner Jugend ganz gut aussah. Man kann mir daher auch nicht vorwerfen, daß ich dies schreibe, weil ich über folgende Karikatur
beleidigt bin:

Nein. Ich habe Karikaturen von mir gesehen, die tatsächlich beleidigend waren, da die Böswilligkeit des Karikaturisten augenscheinlich war. Ich bin sicher, wer dies zeichnete, wollte nicht böswillig sein – außer wenn er möglicherweise nur meine ästhetische Überzeugung beleidigen wollte.

Die meisten Cartoonzeichner und Karikaturisten haben
die Angewohnheit, jeden ihrer »Gegenstände« zu schmücken, etwa mit einer absonderlichen Nase:

Vielleicht unbewußt oder sogar absichtlich geht dies auf das Ziel zurück, einen Standardtypus zu schaffen, um den Zeichner selbst zu repräsentieren. Ich sollte der Letzte sein, der dies verübelt. Habe ich nicht einmal geschrieben: »Das Portrait hat nicht dem Modell ähnlich zu sehen, das seit langem tot und vergessen sein mag, wenn der Maler gerade erst beachtet zu werden beginnt.« So wird jeder einen Rembrandt erkennen, wenn auch alle Politiker und Handelsleute, die er portraitierte, seit Jahrhunderten tot sind.

Aber trotz solcher Abweichungen vom Original sind diese
Maler eher Balzac, Shakespeare und Strindberg ähnlich, die als Erforscher der menschlichen Seele eine Vielfalt an Charakteren in Kontrast zu jenen konventionalisierenden Verfahren schufen, welche stereotype Reduktionen auf einige wenige Charakterzüge hervorbringen, wie man sie bei den Pierrots, Colombinen,
Hanswursts, Clowns, Equestriennen, Balleteusen etc. sieht, aber auch bei Tarzan, Lone Ranger, Little Abner und Sherlock Holmes, Poirot und ähnlichen: ja sogar d’Artagnan und Falstaff. Auf diese Weise wird die Welt wieder rund – wenn auch vielleicht nur an
der Oberfläche.

In Boston habe ich beinahe meinen Drahthaarterrier verloren, weil eine Frau, die sich nicht an das Gesicht ihres eigenen Hundes erinnern konnte, irrtümlich meinen für ihren hielt. Nur wenige Menschen werden in der Lage sein, die Gesichter von Orang-Utans, Schimpansen, oder von Schafen, Tigern, Elefanten oder sogar von Japanern oder Aborigines zu unterscheiden. Wenn die Notwendigkeit bestünde, würden wir vielleicht jenes Unterscheidungsvermögen entwickeln, wenn auch nicht so ausgeprägt wie bei manchen Hunden, die ihren Herrn und dessen Freunde von jeder anderen Person unterscheiden, sogar dann, wenn man noch eine Meile entfernt ist.

Wenn ich manche Cartoonzeichner zu entschuldigen versuchte, die immer wieder Cartoons zeichnen, in welchen drei oder mehr Personen völlig willkürlich mit der selben Nase geziert sind, stünde ich auf verlorenem Posten, es sei denn ich biete folgende Lösung an: Die Albernheit, mit der uns diese Wesen amüsieren, kann von jedem Menschen erwartet werden, deshalb ist Unterscheidung durch die Nasen überflüssig. – Aber warum diese Umständlichkeit in anderer Hinsicht?

Wie auch immer, einem Cartoonzeichner stehen eine Reihe von anderen Mitteln für Humor und Unterhaltung zur Verfügung wie – wenn auch nicht in diesem Maße – einem Karikaturisten. Das Verhältnis kann mit der Wirkung der Worte in einem Lied verglichen werden, in dem beinahe jeder Ton auf einmal beleuchtet wird, und mit einer symphonischen Dichtung, deren exakte Wortbedeutung zumindest teilweise nur geraten werden kann. Andererseits erwartet man von einem Cartoon zum Lachen gebracht zu werden, wohingegen ein Karikaturist dann Erfolg hat, wenn man lächelt. Daher ist die Balance zwischen Bemühen und Wirkung ausgeglichen.

In vielen Fällen zielt der Karikaturist darauf ab, seinen Gegenstand zu verspotten. So wurde etwa Görings Bauch fetter und fetter, seine Brust zierten mehr und mehr Orden, Hirohitos Mund wurde größer und seine Nasenlöcher gerieten außer Proportion. Die künstlerische Rechtfertigung einer Karikatur besteht auf dem Unterschied zwischen einem vollendeten, ausgearbeiteten Gemälde und einer Skizze, die ihre Unvollkommenheit hinter einer Maske von Humor und Übertreibung verbirgt, und die durch eine ursprüngliche Frische besticht, die dem ausgearbeiteten Kunstwerk verwehrt ist. Die Bewertung ihrer Vorzüge kann auf einem Vergleich mit den Werken eines Dramatikers beruhen. Wohl kaum würde er versuchen, jeden Aspekt seiner Charaktere auszuarbeiten, nicht einmal alle deren charakteristische Züge, sondern nur soviel in diesem speziellen Stück aus reicht, um die Figur deutlich genug zu machen. Bei Shakespeare werden die Schauspieler nur durch ihre Reden und Handlungen und ihr Verhalten zueinander charakterisiert. Obwohl zeitgenössische Dramatiker mehr ins Detail gehen; jemanden in knappster Form charakterisieren zu können ist Voraussetzung für die Kunst des Dramatikers und es ist die dramatische Kunst des Karikaturisten. […]

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Arnold Schönberg Center, Wien (T 40.13)

Undatiert, ca. 1937.

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