Wassily Kandinsky an Arnold Schönberg, 18. Januar 1911

Sehr geehrter Herr Professor!

Entschuldigen Sie bitte, daß ich ohne das Vergnügen zu haben Sie persönlich zu kennen einfach an Sie schreibe. Ich habe eben Ihr Concert hier gehört und habe viel wirkliche Freude daran gehabt. Sie kennen mich, d. h. meine Arbeiten natürlich nicht, da ich überhaupt nicht viel ausstelle und in Wien nur flüchtig und schon vor Jahren ein Mal ausgestellt habe (Secession). Unsere Bestrebungen aber und die ganze Denk- und Gefühlsweise haben so viel Gemeinsames, daß ich mich ganz berechtigt fühle, Ihnen meine Sympathie auszusprechen.

Sie haben in Ihren Werken das verwirklicht, wonach ich in freilich unbestimmter Form in der Musik so eine große Sehnsucht hatte. Das selbstständige Gehen durch eigene Schicksale, das eigene Leben der einzelnen Stimmen in Ihren Compositionen ist gerade das, was auch ich in malerischer Form zu finden versuche. Es ist momentan in der Malerei eine große Neigung, auf construktivem Wege die »neue« Harmonie zu finden, wobei das Rhythmische auf einer beinahe geometrischen Form gebaut wird. Auf diesem Wege kommt mein Mitfühlen und Mitstreben nur halb mit. Construktion ist das, was der Malerei der letzteren Zeiten so fast hoffnungslos fehlte. Und das ist gut, daß sie gesucht wird. Nur denke ich über die Art der Construktion anders.

Ich finde eben, daß unsere heutige Harmonie nicht auf dem »geometrischen« Wege zu finden ist, sondern auf dem direkt antigeometrischen, antilogischen. Und dieser Weg ist der der »Dissonanzen in der Kunst«, also auch in der Malerei ebenso, wie in der Musik. Und die »heutige« malerische und musikalische Dissonanz ist nichts als die Consonanz von »morgen«. (Dabei ist selbstverständlich das so zu sagen akademisch-»harmonische« nicht prinzipiell auszuschließen: man nimmt das, was man braucht, ohne sich zu kümmern, wo man es nimmt. Und gerade »heute«, zu Zeiten des kommenden »Liberalismus «, sind so viele Möglichkeiten vorhanden!)

Es hat mich unendlich gefreut den selben Gedanken bei Ihnen zu finden. Nur eins tut mir leid: ich habe die 2 letzten Sätze in Ihrem Programm (Plakat) nicht verstanden. Trotz wiederholter Bemühung konnte ich nicht zu einer ganz genauen Erklärung kommen.

Ich erlaube mir Ihnen eine Mappe von mir zu schicken (die Holzschnitte sind beinahe 3 Jahre alt) und diesem Brief lege ich ein paar Photos bei nach den vorletzten Bildern. Von der letzten Zeit habe ich noch keine. Ich würde mich sehr freuen, wenn diese Sachen Sie interessieren würden.

Mit lebhafter Sympathie und aufrichtiger Hochachtung

Kandinsky

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