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Arnold Schönberg an Wassily Kandinsky, 24. Januar 1911 Sehr geehrter Herr, ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihren Brief. Ich habe mich außerordentlich gefreut. Es ist meinen Werken vorläufig versagt, die Massen zu gewinnen. Umso sicherer erobern sie sich die Einzelnen. Jene wirklich wertvollen Einzelnen, auf die es mir allein ankommt. Und ich freue mich außerordentlich, wenn es ein Künstler ist, in einer andern Kunst schaffend, als ich, der Beziehungen zu mir findet. Es giebt sicher unter den Besten, die heute streben, solche unbekannten Beziehungen, Gemeinsamkeiten, die wohl nicht zufällig sind. Ich bin stolz darauf, solchen Sympathiebezeugungen öfter bei den besten begegnet zu sein. Nun aber vor Allem: herzlichen Dank für die Bilder. Die Mappe hat mir außerordentlich gefallen. Ich verstehe das vollkommen und bin sicher, daß wir uns da begegnen. Und zwar in dem wichtigsten. In dem[,] was Sie das »Unlogische« nennen und das ich »Ausschaltung des bewußten Willens in der Kunst« nenne. Auch was Sie über das konstruktive Element schreiben, glaube ich. Jede Formung, die traditionelle Wirkungen anstrebt, ist nicht ganz frei von Bewußtseins-Akten. Und die Kunst gehört aber dem Unbewußten! Man soll sich ausdrükken! Sich unmittelbar ausdrücken! Nicht aber seinen Geschmack, oder seine Erziehung oder seinen Verstand, sein Wissen, sein Können. Nicht alle diese nichtangeborenen Eigenschaften. Sondern die angeborenen, die triebhaften. Und alles Formen, alles bewußte Formen, spielt mit irgendeiner Mathematik, oder Geometrie, mit dem goldenen Schnitt und dergleichen. Das unbewußte Formen aber, das die Gleichung:»Form = Erscheinungsform« setzt, das allein schafft wirklich Formen; das allein bringt jene Vorbilder hervor, die von den Unoriginellen nachgeahmt und zu »Formeln« werden. Aber, wer imstande ist, sich zu hören, seine eigenen Triebe zu erkennen, sich auch denkend selbst in jedes Problem zu vertiefen, hat solche Krücke nicht nötig. Man muß kein Bahnbrecher sein, wenn man so schaffen will, nur ein Mensch, der sich ernst nimmt; Und der damit ernst nimmt, was die wirkliche Aufgabe der Menschheit auf jedem geistigen oder künstlerischen Gebiet ist: zu erkennen, und auszudrücken, was man erkannt hat!!! Das ist mein Glaube! Ich danke Ihnen nochmals sehr für die Bilder. Wie gesagt: die Mappe hat mir sehr sehr gefallen. Die Photografien verstehe ich einstweilen weniger. Das müßte man wohl in der Farbe sehen. Und deshalb zögere ich, Ihnen ein paar Fotografien von meinen Bildern zu schicken. Sie wissen vielleicht nicht, daß ich auch male. Aber mir kommt es so sehr auf die Farbe (nicht auf die »schöne« Farbe, sondern auf die ausdrucksvolle, im Zusammenklang ausdrucksvolle) Farbe an, daß ich nicht weiß, ob jemand etwas davon hat, der die Reproduktionen sieht. Freunde glauben zwar daran, aber ich bin unsicher. Nur wenn es Sie interessiert, schicke [ich] Ihnen einiges. Obwohl ich ganz anders male, werden Sie doch Berührungspunkte finden. Ich finde wenigstens solche in den Photografien. Vor allem darin, daß Sie scheinbar sehr wenig gegenständlich sind. Ich kann auch nicht glauben, daß die Malerei unbedingt gegenständlich sein muß. Ich glaube sogar bestimmt das Gegentheil. Wenn die Fantasie uns trotzdem Gegenständliches eingiebt, dann, meinetwegen. Das mag ja daher kommen, daß wir mit dem Auge nur Gegenständliches aufnehmen. Worin das Ohr besser dran ist! Aber wenn der Künstler einmal dahin gelangt, in den Rhythmen und Tonwerten nur den Ausdruck innerer Vorgänge, innerer Bilder zu wünschen, dann hat das »Objekt der Malerei« aufgehört bloß dem reproduzierenden Auge anzugehören. Es tut mir sehr leid, daß ich nicht in München war. Vielleicht hätten wir uns dann kennen gelernt. Jedenfalls wird das einmal geschehen. Entweder, wenn ich nach München oder, wenn Sie nach Wien kommen. Ich denke, wir hätten einander manches zu sagen. Ich freue mich darauf und hoffe bald von Ihnen zu hören. Bis dahin begrüße ich aufs herzlichste Arnold Schönberg |
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