Wassily Kandinsky an Arnold Schönberg, 26. Januar 1911

Sehr geehrter Herr Professor!
Sie haben mir große Freude mit Ihrem Brief bereitet. Ich danke Ihnen bestens und freue mich sehr auf die persönliche Bekanntschaft mit Ihnen. Über manches (z. B. bewußte – unbewußte Arbeit) habe ich oft hin und her gedacht. Im Grunde bin ich mit Ihrer Ansicht einverstanden. D. h. wenn man schon bei der Arbeit ist, so sollen keine Gedanken
kommen, sondern die innere »Stimme« soll allein reden und lenken. Nur hat bis jetzt gerade der Maler überhaupt zu wenig gedacht. Er faßte seine Arbeit auf als eine Art koloristische Equilibristik. Der Maler soll aber (und gerade um sich ausdrücken zu können) sein ganzes Material kennen lernen und sein Gefühl insofern üben, daß er weiß und
bei dem Unterschiede zwischen

seelisch bebt! Das ist eben Inneres Wissen. Dann kann auch gebaut, construirt werden und es kommt keine Geometrie dabei heraus –‚ sondern Kunst. Es freut mich sehr, daß Sie von Sicherkennen sprechen. Das ist die Wurzel der »neuen« Kunst, der Kunst überhaupt, die nie neu ist, sondern nur in eine neue Phasis einzutreten hat – »Heute«!
Es würde mich sehr freuen, von Ihnen einige Photos zu bekommen.
Tatsächlich werde ich mich auch ohne Farben auskennen. Es ist so eine Art von einem Clavierauszug – ein solches Photo. Schon im voraus bedanke ich mich sehr für diese Sendung.

Jetzt kommt noch eine für mich sehr wichtige Frage. Es wird bald in Rußland der 2-te Wander-»Salon« beginnen. Es ist eine internationale Kunstausstellung, die durch die Hauptstädte Rußlands gefahren wird und ist der »neuen« Kunst gewidmet. Der Veranstalter, Herr Ev. v. Izdebsky, Bildhauer, ist mein guter Freund. Er bat mich, ihm wie gewöhnlich in dieser Veranstaltung behilflich zu sein und u. a. ihm besonders gute und interessante Artikel über Kunst (jede, also auch Musik) zu empfehlen, od. entsprechende Autoren zu nennen. Gestern bekam ich den Brief und habe sofort auch von Ihnen geschrieben. Da es sehr mit der Sache eilt, so habe ich mir erlaubt, mir ein paar Hefte der Musik zu bestellen, um eins davon sofort an Izdebsky zu schicken. Wenn Sie etwas gegen diese Benützung Ihres Artikels haben, so schreiben Sie mir bitte umgehend, damit ich die Übersetzung noch rückgängig machen kann. Ich hoffe aber sehr, daß Sie uns die Erlaubnis nicht entziehen werden! Der Katalog soll eine Art einer Kunstzeitschrift werden und wird von vielen Menschen mit großem Interesse gelesen. Das ganze Unternehmen ist wirklich jeder Unterstützung werth. Es ist für mich immer eine sehr große Freude, wenn Künstler verschiedener Länder an einer Sache gemeinsam arbeiten. So ein Nichtachten der politischen Grenzen ist von feiner Wirkung und wird noch reiche Früchte bringen.

Mit Gefühlen der Sympathie und Hochachtung

Kandinsky

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