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Wassily Kandinsky an Arnold Schönberg, 6. Februar 1911
Sehr geehrter Herr Professor!
Vielen Dank für die Sendung. Es tut mir sehr leid, daß ich das Album
wieder zurücksenden muß. Aber Sie erlauben doch, daß ich es
10 – 14 Tage bei mir behalte? Ich bin direkt begeistert für Ihre Bilder:
eine natürliche Notwendigkeit und ein feines Gefühl sind ihre Quelle.
Ich ahne schon lange, daß unsere doch große Zeit nicht eine, sondern viele Möglichkeiten bringen wird. In einer Schrift, die manchen
gut gefällt, die aber noch kein Verleger bei mir abnehmen wollte,
spreche ich u. a. davon, daß in der Malerei die Möglichkeiten so reich
werden können, daß sie nicht nur beide extremsten Grenzen berühren
wird, sondern beinahe überschreiten. Und diese weit, weit voneinanderstehenden
Grenzen (= 2 Polen) sind: volle Abstraktion und die
reinste Realistik. Ich für meine Person neige immer mehr und mehr
zur ersten. Die zweite aber ist mir ebenso willkommen. Und auf das
Erscheinen der zweiten warte ich mit Ungeduld. Ich meine: es kommt
morgen! Nun, gerade in Ihren Bildern spüre ich gerade das Reale
so besonders stark. Diese Realistik ist natürlich der schon überstandenen
in keiner Weise gleich. Und innerlich – entgegengesetzt: da
war res = Zweck, hier – Mittel. Und ist das Mittel nicht gleich, wenn es
nur zum Ziel führt? Da denke ich wieder an Ihre »verbotenen«
Oktavparallelen. Bei uns Malern ist gerade die res verboten. Und da
freue ich mich, wenn sie kommt. Erschreckend, ja tragisch ist diese
menschliche Neigung zum Versteinern der Form. Gestern fraß
man den Menschen, welcher diese neue Form zeigte. Heute ist diese
Form = unerschütterliches Gesetz für alle Zeiten. Es ist tragisch, da
es wieder und wieder zeigt, daß die Menschen hauptsächlich am Äußeren hängen. Ich habe viel über diese Frage nachgedacht und
habe auch einen Trost gefunden. Doch ist manchmal die Geduld am
Platzen.
Stellen Sie Ihre Bilder aus? Würden Sie ev. etwas für den russischen »Salon« geben, von welchem ich Ihnen geschrieben habe und wofür
ich um den Artikel bat. Ich habe ihn selbst übersetzt, da ich trotz
Mangel an Zeit mich ordentlich in ihn einleben wollte. Er gefällt mir
außerordentlich. Und ich freue mich sehr, daß ich Sie kennen gelernt
habe, wenn auch nur brieflich. Ebenso hat große Freude an Ihren
Bildern und Briefen meine Frau, Gabriele Münter. Sie hat in ihren
Bildern entschieden Berührungspunkte mit Ihnen. Ich schicke Ihnen
einmal welche. Da ist auch etwas von der gesunden Realistik, wenn
auch sehr anders, wie bei Ihnen.
Mit vielen herzlichen Grüßen und lebhafter Sympathie
Kandinsky
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