Wassily Kandinsky an Arnold Schönberg, 9. April 1911

Sehr geehrter Herr Professor!

Mit ganz besonderem Vergnügen schicke ich Ihnen mein Bild. Wollen Sie mir diese Freude machen, indem Sie mir Ihr Bild schicken?

Ich beneide Sie sehr! Sie haben Ihre Harmonielehre schon in Druck. Wie unendlich gut (wenn auch nur verhältnismäßig!) haben es die Musiker in ihrer so weit gekommenen Kunst. Wirklich Kunst, die das Glück schon besitzt, auf rein praktische Zwecke vollkommen zu verzichten. Wie lange wird wohl die Malerei darauf warten müssen?
Und das Recht dazu (= Pflicht) hat sie auch: Farbe, Linie an und für sich – was für grenzenlose Schönheit und Macht besitzen diese malerischen Mittel. Und doch ist schon heute der klarere Anfang dieses Weges zu sehen. Man darf heute von einer Harmonielehre auch hier träumen. Ich träume schon und hoffe, daß ich, wenigstens die ersten Sätze zu diesem großen kommenden Buch aufstellen werde. Vielleicht tut dasselbe auch ein anderer. Desto besser! Nur so viel wie möglich.
Ich nehme mir auch Zeit, etwas in die musikalische Theorie hineinzuschauen (natürlich nur ganz äußerlich und oberflächlich: zum tieferen Blick langen meine Kräfte nicht), damit ich weiß, wie ungefähr diese Theorie gebaut ist. Wenn man einigermaßen kapiert hat, wie der Wiener Ste[phansdom] gebaut ist, so wird man doch vielleicht in der Lage sein, ein kleines ungeschicktes Hüttchen zusammenzupappen. Ich wünsche Ihnen herzlich viel Erfolg in Ihrer Arbeit. Auf Ihre ausführliche Antwort, die Sie mir versprechen, werde ich geduldig warten.

Mit vielen freundschaftlichen Grüßen

Ihr ergebener Kandinsky.

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