Wassily Kandinsky an Arnold Schönberg, 16. November 1911

[…] In Ihren Bildern (die ich erst gestern vom Spediteur bekam: wir sind ja erst 2 Tage wieder in München) sehe ich sehr viel. Und zwei Wurzeln: 1) »reine« Realistik, d. h. Sachen wie sie sind und wie sie dabei innerlich klingen. Das ist das, was ich in meinem Buche prophezeit habe als »Phantastik in der härtesten Materie«. Das ist zu meiner Kunst
antipodisch und … wächst innerlich aus der selben Wurzel: Stuhl lebt, Linie lebt – das ist doch schließlich, im letzten Grunde gleich bedeutend. Diese »Phantastik« liebe ich sehr überhaupt und in Ihren Bildern ganz besonders. Selbstportrait, Garten (nicht der, welchen ich wollte, aber auch ein sehr guter). 2) die zweite Wurzel – Dematerialisieren,
romantisch-mystischen Klang (also auch das, was ich mache) mag ich weniger schon in dieser Art der Anwendung des Prinzips. Und … doch sind auch diese Sachen gut u. interessieren mich sehr. Diesen zweiten Klang (= Wurzel) hat auch Kokoschka (vor 3 Jahren gesehen, also »hatte«) + das Element »sonderbar!« Das interessiert mich (ich sehe es gerne), läßt mich aber nicht innerlich zittern. Das ist mir zu bindend, zu präzis. Wenn in mir sich so etwas regt, so schreibe ich (ich würde es nie malen). Und sage einfach: er hatte ein weißes Gesicht und schwarze Lippen. Das genügt mir, d. h. das ist für mich mehr. Ich fühle es immer stärker: in jedem Werk muß ein leerer Platz bleiben, d.h. nicht binden! Vielleicht ist es kein »ewiges« Gesetz, sondern ein Gesetz von »morgen«. Ich bin bescheiden und begnüge mich mit »morgen«!Oh ja!

Schreiben Sie mir doch bitte auch, wie auf Sie meine Sachen in der »Neuen Secession« wirken werden. Ich war eigentlich immer sicher, daß Sie Münter verstehen werden, fühlen. Sie wird im allgemeinen sehr wenig gefühlt. […]

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