|
Arnold Schönberg an Wassily Kandinsky, 14. Dezember 1911 Lieber Herr Kandinsky, ich habe Ihr Buch noch nicht ganz gelesen;
erst zwei Drittel. Trotzdem muß ich Ihnen aber schon jetzt schreiben,
daß es mir außerordentlich gefällt. Sie haben mit so vielem unbedingt
recht. Insbesondere was Sie über die Farbe sagen im Vergleich mit
der musikalischen Farbe. Das stimmt mit meinen eigenen Empfindungen Sehr neugierig bin ich auf das Kapitel »Theorie«. Mit einigen Kleinigkeiten bin ich nicht ganz einverstanden. Vor allem nicht damit, daß Sie, wenn ich Sie recht verstehe, am liebsten eine genaue Theorie gegeben hätten. Das halte ich jetzt nicht für nötig. Wir suchen noch und suchen noch (wie Sie ja selbst sagen) mit dem Gefühl. Trachten wir doch dieses Gefühl nie an eine Theorie zu verlieren! Nun muß ich Ihnen noch über Ihre Bilder schreiben. Also: sie haben mir außerordentlich gefallen. Ich war gleich am Tag, nachdem ich Ihren Brief bekommen, dort. Am besten gefiel mir die »romantische Landschaft «. Die anderen Bilder hängen nicht sehr günstig. Mit etwas kann ich mich nicht recht befreunden: mit dem Format, mit der Größe. Dagegen habe ich auch einen theoretischen Einwand: Da es sich nur
um Proportionen handelt, beispielsweise
so kann es unmöglich aufs Format ankommen. Denn ich muß das
unbedingt auch sagen können, indem ich kürze, beispielsweise
durch 12:
Ich glaube, daß man diese Gleichung »gekürzt« leichter erfaßt. Praktisch gesprochen: Ich spüre diese Farbengewichte weniger, weil sie mir zu sehr aus dem Gesichtsfeld entweichen. (Einzelne entschlüpfen mir ganz.) Ich müßte mich weit wegstellen, und dann ist ja das Bild kleiner, die Gleichung »gekürzt«. Vielleicht habe ich deswegen von den ganz großen Bildern weniger Eindruck, weil ich sie nicht geschlossen aufnehmen konnte. Nun zu Frl. Münters Bildern: ohne daß ich mich gleich an sie erinnerte, fielen sie mir sofort auf, als ich in den Saal trat: Sie sind wirklich höchst eigenartig und von wo[h]ltuender Schlichtheit. Absolute Natürlichkeit. Ein herber Unterton, der sicher ein Wesenszug ist, hinter dem Güte und Liebe steckt. Ich hatte viel Freude daran. Auch die Bilder des Herrn Marc gefielen mir sehr gut. Eine eigentümliche
Weichheit bei diesem »Riesen«. Ich war eigentlich überrascht
davon, konnte sie mir aber bald mit dem Eindruck, den ich von Marc
hatte, in Einklang bringen. Jedenfalls sehr sympathisch. Mir hat sonst
nicht viel in der Ausstellung gefallen. Am besten ein Herr Nolde,
den ich dann kennenlernte, der mir aber persönlich wenig gefiel. Dann
ein Prager: Kubista. Der ist affektiert, hat aber Talent und Kourage!!
Die Berliner sind in allen Sätteln gerecht. Vor allem in denjenigen,
die gerade »letzt modern« sind. Ich erriet sofort, daß es einen
Franzosen geben müsse, der »badende Frauen« gemalt hat. Sie finden
die 5 – 6 mal im Saal. Ganz genau wie Cézanne. Dagegen wüßte
ich gerne, welcher Franzose Vorbild für die vielen »Cirkusleute« ist?!
Sehr leid tut mir, daß Ihnen meine Bilder wenig gefallen. Man hat
Ihnen auch nicht durchaus die wichtigsten geschickt. Aber immerhin
größtenteils. […]
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||

| Home > |
|
|