Arnold Schönberg an Kenneth C. Lindsay, 30. August 1950

Lieber Herr Lindsay:

Es ist möglich, daß ich mit Kandinsky drei oder vier Briefe ausgetauscht habe, höchstens.

Unser erster Kontakt geht auf 1910 (?) oder 11 zurück, nach einem Brief, den Kandinsky mit Bezug auf ein Konzert meiner Werke in München
schrieb. Er sandte mir Kopien seiner Bilder, woraufhin ich ihm auch Fotos einiger meiner Bilder schickte. Zur selben Zeit verließ ich Wien endgültig, traf Kandinsky in München und wurde sein Freund. 1914 verbrachten wir den Sommer am Staffelsee in der Nähe von München, wo Kandinsky lebte. Als der Krieg ausbrach ging Kandinsky nach Russland, woraufhin ich die nächsten 8 oder 10 Jahre nichts mehr von ihm hörte. Vermutlich tauschten wir 1922 noch einige Briefe aus. Es wäre schwer für mich, diese Briefe zu finden. Vermutlich sind sie alle in schwer zugänglichen Kartons aufbewahrt. Vielleicht schreiben Sie mir wieder einmal, da ich diese Briefe finden könnte, sobald ich Zugriff auf die Kartons habe.

Ich wußte nichts von Kandinskys Übersetzung dieses Abschnitts aus meiner Harmonielehre, über Quinten- und Oktavenparallelen.

Er hat dies vielleicht schon vor unserer Begegnung gemacht. Dieser Abschnitt wurde in einer Musikzeitschrift veröffentlicht, etwa um 1910. Hat Kandinsky einige meiner Briefe aufbewahrt? Falls ja, möchte ich gerne den Inhalt kennen lernen, ehe Sie die Briefe publizieren.

Hochachtungsvoll

Arnold Schoenberg

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