|
Karl Linke an Arnold Schönberg, 19. Juli 1910 Geehrter Herr Schönberg! Eben habe ich den Aufsatz über Sie angefangen. Ich bin so froh, daß er mir gleich auf den ersten Griff so gelingt. Ich glaube, so warm und begeistert habe ich schon lange nichts geschrieben. Vieles wird mir während des Schreibens noch weit klarer und bedeutender. Ich weiß heute, daß nur so zu malen und zu musizieren ist, wie Sie es tun. Natürlich jeder in seinem Menschen. Aber es war bis jetzt nichts ähnliches da, weil Keiner den Mut hatte, es zu wagen und wahrscheinlich auch Keiner die Kraft. […] Es wird über Malerei wohl ebensoviel gesprochen werden wie über Musik. Auch über Dichtung. Ich glaube, das ist alles Eines und hat Zusammenhänge, tief wie das Erz der Berge. Die Künste sind einander so notwendig wie die Spektralfarben dem Sonnenlicht. Fehlt eine, dann ists nicht weiß und hell. Denn alles Wollen ist weiß und hell, auch wenn es dunkel ist, auch wenn Schleier drüber liegen. Ich bin so froh, daß ich so oft bei Ihnen sein durfte. Ich glaubte immer, es gäbe nichts Größeres, das unser Dreigespann (ich, Csmarich, Gütersloh) nicht kennte und könnte. Und da erlebte ich es, daß einer in unheimlicher Deutlichkeit dastand und mit ungeheuren Armen dorthin langte, wo unsre Augen nicht einmal noch sahen. Jeder wehrt sich seiner Haut, besonders seiner ehrlichen. Darum dieses scheue Zurückziehen, das Verblüfftsein. Denn das Einwenden und das Wissenwollen war ja nur ein Ihrer Kunst näherkommen. Nicht bei jedem ist es ein Blitzstrahl, der niederzuckt, auf daß er brennt. Heute ist mir vieles klar und ich weiß, wie ich zu schreiben habe. Wenn ich den Aufsatz so fertig bringe, wie ich ihn dunkel in mir habe, dann werde ich Ihnen das Manuskript senden. Einstweilen verbleibe ich Ihr ganz ergebener Karl Linke |
|||||||||||||||||||||||||||||||||

| Home > |
|
|