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Franz Marc an Arnold Schönberg, [April 1914] Verehrter Herr Schönberg, seien Sie mir nicht bös, ich muß nochmals von unsern Theaterplänen sprechen; ich habe mich in meinem ersten Brief gewiß zu unklar und unzureichend ausgedrückt, daß Sie von dem »Dekorativen« der Aufgabe zurückschrecken, – Sie erwähnten ähnliches in einem Brief an Kandinsky. Außerdem liegt die Sache heute ganz anders als damals. München ist in letzter Stunde von unsrem Projekt abgeschwenkt, hat die Düsseldorfer (Dumontensemble) engagirt, mit denen ein künstlerisches Zusammenarbeiten in unsrem Sinn ganz unmöglich ist. Nun planen wir, durch eine gemeinsame Broschüre unsren neuen Bühnenideen den Weg zu bereiten. Als Mitarbeiter haben sich zunächst Hugo Ball, Mendelsohn (Architekt), Klee, Kandinsky und ich zusammengethan. Vielleicht hat Ihnen Kandinsky schon davon geschrieben. Er zögert immer noch, da er mit andren Arbeitsplänen überlastet ist; aber die Sache selbst freut ihn sehr. Wir hoffen ja, vor allem die wenigen neuen Stücke (Der gelbe Klang, Kokoschka, »Die glückliche Hand«, Claudel, Russisches u. dergl.) zu geben; Solche Aufführungen sollen in der Broschüre schon praktisch vorbereitet werden. Das Drama von heute ist noch nicht geschrieben. Das Repertoire ist noch zu neu um eine neue Bühne zu rechtfertigen. Es muß unbedingt auch Älteres der neuen Bühne dienstbar gemacht werden; ich halte immer noch an dem Problem, den »Sturm« zu inscenieren, fest, trotz allem Widerspruchsvollen, das diese Aufgabe in sich birgt. Wohl gerade darum! Es wäre als Exempel unvergleichlich. Gerade dies Stück müßte man undekorativ geben, unromantisch; so geben, wie wir es empfinden, wenn wir es lesen: kompositionell u. konstruktiv. Sie treffen den Sinn, indem ich dies verstehe, mit Ihrer scenischen Bemerkung (»glückl. Hand«): »Die Scene soll nicht die Nachahmung des Naturbildes sein sondern eine freie Kombination von Farben, die der Stimmung entsprechen.« Von Farben u. Formen! Im Geiste unsrer Bilder und unsres ganzen, dem Abstrakten zugewandten Denkens. Was bei einer solchen Aufführung von Shak[e]speare und dem 17. Jahrh. bleiben wird, ist ziemlich belanglos. Wir müssen uns heute das Recht nehmen können, den historischen Gerechtigkeitssinn, dieses Idol des 19. Jahrh. und die Tradition, die heute so ziemlich nur mehr Denkfaulheit bedeutet, zu brechen. Können Sie sich dazu Ihre freudige Mitarbeit nicht denken? Ihre Kraft scheint uns hier ganz unentbehrlich; Kandinsky meint auch, Ihre persönliche Arbeit zu solchem Unternehmen nicht missen zu können, – wäre es auch in dem Sinn, daß Sie (aber nur Sie und kein anderer) einen Ihrer Schüler mit der Ausführung der Aufgabe beauftragten und leiteten. Ich arbeite momentan an meinem Inscenierungsplan des »Sturm«, – sagen Sie mir, ob ich Ihnen einmal wenn ich Material dazu gefördert habe, einiges zusenden darf? Ich hoffe sehr, Sie fühlen wie ich, daß die Idee ein modernes autonomes Theater zu schaffen, keiner Laune entspringt, sondern ein Muß bedeutet für alle, die an die Befreiung des neuen Jahrh. arbeiten, Befreiung von der Denkfaulheit und Impotenz der heutigen geistigen Führung. Mit Bilderausstellungen und Konzerten allein ist unser Werk nicht zu erreichen, das Theater hat seine berühmte Bedeutung heute wie immer, mit ihm müssen wir unsrer Zeit um die Günste rühren. Es ist so schön, daß Sie diesen Sommer nach Bayern kommen, hoffentlich sehen Sie einem persönlichen Austausch solcher Ideen mit etwas Freude entgegen, – ist es anders möglich? Wenn Sie noch keine Wohnung haben und Sie gern in die Nähe des
Kochelsee’s ziehen, schreiben Sie mir nicht zu spät Ihre Wünsche
und Bedingungen (wie ich sie auf meiner letzten Karte andeutete),
denn die Wohnungsgelegenheiten werden in diesem Monat schon
stark vergeben. Je ausführlicher Sie mir Ihre Wünsche schreiben umso Mit besten Grüßen von Haus zu Haus Ihr erg[ebener] F. Marc |
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