Max Liebermann

Max Liebermann – wenn ich nicht irre, feiert man heute seinen 85. Geburtstag (ich muss ihm gratulieren) – jedenfalls ein großer Maler, dessen Bilder mir immer wieder den Eindruck des Kunstwerks machen, ein intelligenter Mensch, der sicherlich manches von kämpferischem Wert über die Malerei gesagt hat. Aber, wenn die Künstler anfangen, ihre gesunden Gefühlsurteile wissenschaftlich zu fundieren, philosophisch zu »vertiefen«, so
»verfallen« sie in »Oberflächlichkeit« (!), reden dermaßen Falsches und Unsinniges, dass man leicht ihre sonstigen Leistungen vergessen könnte. Daher vielleicht das »Bilde Künstler, rede nicht«, das ich gerne mit dem Wienerischen: »Plausch net, Pepi«
übersetzen möchte. So möchte man am liebsten sagen, wenn man von Liebermann interpelliert wird, wie man sich denn eigentlich zur Tradition stelle. Zweimal, bei Gesammtsitzungen des Senats der Akademie, richtete – auf diplomatischen Umwegen – der greise Meister diese Frage an mich. Ich wusste nichts Rechtes zu sagen. Ich hatte das peinliche Gefühl, dass er mit den Worten (etwa): »Meinen Sie nicht auch, dass alle wahre Kunst mit der Tradition zusammenhänge« den Zweifel daran ausdrücken wollte, dass meine Musik mit der Tradition zusammenhänge. Am liebsten hätte ich ja grob geantwortet: »Ich hab noch nicht nachgeschaut«, oder, da ja Tradition »mündliche Ueberlieferung« ist, etwas Mundartliches, eben jenes: »Plausch net, Pepi«. Warum
soll ich mir von irgend einem, der nicht »behalten kann, was er nicht fasst« (Jakobsleiter) mundartlich tradieren lassen, womit ich sollte Zusammenhang bewahren müssen. Man
bedenke wie viele ungeübte und unproduktive Köpfe an der Fortpflanzung der Tradition beteiligt sind. Ich erinnere mich nicht mehr, ob das während meiner Kriegsdienstausbildung in Bruck als Scherz gezeigt wurde, oder ob es nur zufällig sich ereignete: Es war die Aufgabe, einen Befehl durch eine geöffnete Schwarmlinie im Flüsterton von Mann zu Mann weiterzugeben. Es war staunenswert was dabei herauskam: etwas vollkommen Verschiedenes. So sieht die Tradition aus und Mahler hatte Recht, wenn er sagte: »Tradition ist Schlamperei«. Ich möchte aber damit nichts gegen den sicherlich bedeutenden und hochanständigen Liebermann gesagt haben. Sondern nur zeigen, wie notwendig es sein kann, auch hier auf Plattfüße zu treten.

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Arnold Schönberg Center, Wien (T 04.40)

Der Text wurde zwischen 27. und 29. August 1932 verfaßt. Max Liebermann (1847 – 1935) war Präsident der Akademie der Künste in Berlin, wo Schönberg 1926 – 1933 einer Meisterklasse für Komposition vorstand.

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