Loos zum 60. Geburtstag

Werken der Bildhauerkunst war ich meist fremd gegenübergestanden, weil ich in ihnen kaum mehr hatte sehen können, als eine große Anzahl nebeneinandergestellter, untereinander zusammenhängender Reliefs, was gegen unmittelbare, unzusammengesetzte Konzeption zeugt.

Als ich jedoch hörte, Michelangelo habe seinen Moses direkt aus dem Stein herausgehauen, versuchte ich vergebens, mir von einem Vorstellungsvermögen einen Begriff zu machen, das zu solcher Leistung befähigt.

Und wie ich dann den Moses sah, erkannte ich die spezifische Raumanschauung des grossen Bildhauers: er sieht den Gegenstand von allen Seiten gleichzeitig, durchschaut ihn gleichsam, so als ob er aus Glas wäre.

Ähnlich sollte es sich mit einer anderen Raumkunst verhalten: Mit der Architektur. Was man jedoch bisher gesehen hat, zeigt Konzeption, die im Grunde zweidimensional ist, wie die des Malers. Die drei Dimensionen sind nicht gleichzeitig erlebt, sondern nacheinander. In Wirklichkeit erschaut sind Grundriß, Aufriß und Schnitte: Ebenen also, und es mag vielleicht eine sehr rasche Aufeinanderfolge zweidimensionaler Lagerungen der einheitlich dreidimensionalen Anschauung manchmal ziemlich nahe kommen. So kann ich es selbst einigermaßen denken und darum fühle ich den Unterschied, wenn ich einem Bauwerk von Adolf Loos gegenüberstehe: Hier sehe ich, wie beim Werk des großen Bildhauers unzusammengesetzte, unmittelbare, dreidimensionale Konzeption, der vollkommen zu folgen vielleicht nur vermag, wer gleichartig begabt ist. Hier ist im Raum gedacht, erfunden, komponiert, gestaltet ohne jeden Behelf, ohne Hilfsebenen, Risse und Schnitte; unmittelbar, so als ob alle Körper durchsichtig wären; so, wie das geistige Auge den Raum in allen seinen Teilen und gleichzeitig als Ganzes vor sich hat.

Es ist gewiß kühn von einem Laien, derlei Behauptungen aufzustellen, wo er sie doch nur stützen kann durch das: »Ich habe den Eindruck …«. Dennoch wage ich es: weil das Neue an Loos sich als Neues einer höheren Anschauungsweise darstellt, was den edelsten Ursprung genialer Leistung bedeutet: aus genialer Naturanlage.

Und hier giebt es keine patentierten Fachleute, die mich widerlegen könnten.

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Arnold Schönberg Center, Wien (T 21.23, T 14.52)

Datiert: Berlin, November 1930; veröffentlicht in: Adolf Loos zum 60. Geburtstag am 10. Dezember 1930. Wien 1930, p. 59–60.

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