Aufsatz über Loos
(unveröffentlicht, weil ich damals sehr eingeschüchtert war)

Die Ausstellung amerikanischer Architektur erinnert mich an Adolf Loos, den gegenwärtig in Paris lebenden großen Wiener Architekten: Ihm war es bisher nicht vergönnt, in seiner Heimat auch soviele allgemein sichtbar[e] Bauten zu schaffen, dass die Öffentlichkeit auf den Gedanken kommen könnte, ihm einen großen Bauauftrag zu erteilen. Dabei war er – vor un gefähr dreißig Jahren – der erste und einzige, der aus der amerikanischen Bauweise Konsequenzen gezogen, und in solcher Form gezogen hat, wie sie für unseren Kontinent anwendbar waren. Im Praktischen musste er sich bisher meist auf Inneneinrichtung und innere Umgestaltung fertiger Häuser beschränken. Ganz von ihm kommt, außer ein paar Villen weitblickender Kunstfreunde, nur das Haus am Michaelerplatz. Trotzdem er somit, auf seine architektonische Phantasie beschränkt, nur moderne Luftschlösser bauen durfte, hat Loos sich seither in unerhörter Weise
entwickelt. Das Erstaunlichste an ihm ist sein absolutes Denken und freies Schalten im Raum. Während viel leicht alle Architekten irgendwie in die Ebene flüchten, – im Vertikalen in die Fassade, im Horizontalen in den Grundriss – gestaltet er, mit einer unerhörten Raumvorstellung begabt, innerhalb des benutzten Raumes mit einer Freiheit, der man kaum zu folgen vermag. Die Lagerung der Räume ist so, dass man bei jedem vertikalen oder horizontalen Schnitt [,] den man durch ein von ihm bloß umgebautes Haus legte, die überraschendsten Resultate erhält. Dazu kommt, dass er zur Schönheit, zur Architektur, gelangt, indem er ausschließlich den Erfordernissen der Zweckmäßigkeit, Wohnlichkeit, Behaglichkeit gehorcht. Niemals verliert er den Zusammenhang mit den Notwendigkeiten, niemals schafft er von außen nach innen; sondern seine Vision zeigt ihm einen Organismus, bei dem sich das Äußere aus dem Innern von selbst ergiebt; die vollendetste Harmonie: eine schöne Seele erzeugt sicherlich einen schönen Körper. Wer am Konventionellen nicht um jeden Preis festhält, wird seine Ausstattung ruhig und
geschmackvoll finden, wird bemerken, dass ihm jede Uebertriebenheit, Unmaß und Originalitätssucht trotz der Neuheit der Gesamterscheinung vollkommen fern ist. Auf jeden zeitgemäß fühlenden Menschen wirken diese Bauten und Innenausgestaltungen wie absolute Selbstverständlichkeiten.

Soviel ich weiß, ist Loos gegenwärtig bestrebt, sich in Paris eine Position zu erringen, die ihm Wien weder bieten konnte, noch wollte. Ich höre, dass er auch bereits künstlerische Erfolge errungen hat. Ob auch materielle: ob er auch sorgenfrei schaffen kann, ob ihm endlich gestattet wird zu bauen – weiß ich nicht. Für einen Musiker ist es nicht wichtig, dass seine Werke bei Lebzeiten aufgeführt werden; denn die Noten bleiben ja. Aber ein Architekt muss bauen. Ich frage nun: Sollte es dem großen Deutschland, dem großen Berlin nicht möglich sein, eine solche ungewöhnliche Kraft an sich zu ziehen, ihr hier Wirksamkeit zu verschaffen, ihre Leistungen für sich zu gewinnen? Giebt es für Adolf Loos in Deutschland keine Stelle?

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Arnold Schönberg Center, Wien (T 01.19)

Datiert: 17. Januar 1926.

Anfang der 1920er Jahre entwickelte die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung Wiens einen Generalsiedlungsplan zur Bannung der Wohnungsnot. Adolf Loos wurde in den Beirat gewählt. Im Juni 1924 kam es zum Bruch zwischen Adolf Loos und der Gemeinde Wien, er legte daraufhin seinen Posten im Siedlungsamt zurück.
1923 erhielt Adolf Loos vom renommierten Pariser Salon d’Automne die Einladung, eine Sonderausstellung zu veranstalten und erhielt als erster nichtfranzösischer Architekt die Auszeichnung eines »Sociétaires«. Die Ausstellung fand aufgrund der aufsehenerregenden Präsentation des »Grand Hôtel Babylon« für Nizza in der französischen Presse starke Beachtung. Loos erhielt einer Reihe von französischen Bauaufträgen.

Gesamtverzeichnis der Bauten in: Burkhard Rukschcio und Roland Schachel: Adolf Loos – Leben und Werk. Salzburg 1982.

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