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Museumsgespräch über Malerei Halsey Stevens: Die Musik, die wir heute hören, wurde von einem Mann
geschaffen, der einen weltweiten Einfluß auf das musikalische Denken
ausübt, beginnend mit Verklärte Nacht bis zu jüngsten Werken.
Schönbergs Musik hat viele Diskussionen und Kontroversen hervorgerufen.
Die vergangenen Jahre lebte und unterrichtete er in Südkalifornien, und wir haben das Privileg, heute einige seiner frühesten und
jüngsten Werke zu hören. Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt,
daß Herr Schönberg außer Komponist auch Maler ist, und ich denke,
es ist besonders passend, seine Musik in der Atmosphäre eines Kunstmuseums
aufzuführen. Herr Schönberg, war nicht ursprünglich Halsey Stevens: Ja, allerdings. Herr Schönberg, ich frage mich, ob sich Ihnen in der Malerei und der Musik dieselben Probleme gestellt haben, abgesehen natürlich von den technischen Unterschieden? Arnold Schönberg: Das ist eine sehr gute Frage. Ich muß sagen, daß ich als
Maler absolut ein Amateur war; ich hatte keine theoretische sowie nur
geringe ästhetische Ausbildung, und auch die nur in der Schule und
nicht durch ein Studium der Malerei. In der Musik war das anders.
Ich war zwar auch ein – was ist »self-made«? – ein Autodidakt, hatte
aber immer die Möglichkeit, die Werke der großen Meister zu
studieren, und zwar in einer professionellen Art und Weise, sodaß sich
meine technischen Fähigkeiten normal entwickeln konnten. Das ist
der Unterschied zwischen meiner Malerei und meiner Musik.
Arnold Schönberg: Ja, ich bin sicher, das wäre so gewesen. Ich muß sagen, daß ich zumindest damals eine gewisse Begabung hatte, aber ich fürchte, sie teilweise verloren zu haben. Ich hatte z. B. einen guten Sinn für Proportionen, Raumproportionen und Maße. Ich konnte eine Linie ziemlich genau in, sagen wir, drei, vier, fünf, sechs, sieben, ja sogar elf Teile teilen, und sie waren fast ganz exakt. Ich hatte auch ein gutes Gefühl für viele andere Maße. Zu dieser Zeit konnte ich einen Kreis zeichnen, der nur wenig Abweichung zeigte, wenn man ihn mit einem Zirkel überprüfte. Ich konnte wirklich gut zeichnen, aber ich denke, ich habe diese Fähigkeit verloren. Ich bin der Ansicht, daß dieser Sinn für Größenordnungen eine der Fähigkeiten eines Komponisten, eines Künstlers ist. Dies ist wahrscheinlich die Basis für eine Ausgewogenheit und innere Logik, wenn man ein zuverlässiges Gefühl für Größen und Proportionen hat. Halsey Stevens: Sicher ist das Gefühl für Proportionen, das Sie meinen, sehr wichtig für die Musik, das haben Sie ja sehr eingehend in Ihren eigenen Werken gezeigt. Es gibt heute kaum einen bedeutenden Komponisten, der nicht in gewisser Weise von Ihren musikalischen Entdeckungen beeinflußt wäre. Haben Sie das Gefühl, daß jene Kompositionstechnik, die Sie entwickelt haben, mit der Zeit mehr und mehr an Bedeutung gewinnen wird? Arnold Schönberg: Ich glaube schon – es gibt eine Möglichkeit, etwas von meinen technischen Errungenschaften zu lernen. Aber noch besser ist es, glaube ich, auf jene Komponisten zurückzugreifen, denen auch ich viele Erkenntnisse verdanke: damit meine ich Mozart, Beethoven, Brahms und Bach. Man kann wirklich sagen, daß ich Mozart sehr, sehr viel verdanke; und wenn man sich ansieht, wie z. B. meine Streichquartette gebaut sind, dann kann man nicht leugnen, daß ich das direkt von Mozart gelernt habe. Und ich bin stolz darauf! Halsey Stevens: Das heißt, Ihr Rat an junge Komponisten ist, Herr Schönberg, die Grundlagen bei denselben Komponisten zu suchen. Arnold Schönberg: Ja, ja, ja. Natürlich kann man sie nicht einfach direkt imitieren; man muß die Essenz begreifen, die eigenen Ideen mit den ihren zusammenführen und daraus etwas Neues schaffen. Halsey Stevens: Es wäre natürlich unmöglich, einen alten Stil zu imitieren. Arnold Schönberg: Nein – ja – das geht nicht, ja, ja. Halsey Stevens: Leider ist unsere Zeit fast zu Ende, Herr Schönberg. Arnold Schönberg: Aha! Halsey Stevens: Ich danke Ihnen sehr, daß Sie uns dieses erste Interview gegeben haben. Arnold Schönberg: Ich hatte Angst, zuviel zu reden! Halsey Stevens: Im Gegenteil; es war ein Vergnügen und eine große Ehre für uns, Sie bei uns zu haben. __________ Arnold Schönberg Center, Wien (Voice Recordings 41). »Der 75. Geburtstag von Arnold Schönberg fand am 13. September 1949 statt. Aus diesem Anlaß plante das County Museum in Los Angeles ein Konzert mit Musik Schönbergs, und zwar in jenem Raum, in dem auch die frühen Bilder des Komponisten ausgestellt werden sollten. Im Sommer 1949 begann ich eine Reihe von Interviews, die jeweils im voraus aufgenommen und während der Konzerte im County Museum, als Pausenfüller, vom Sender der University of Southern California, KUSC, ausgestrahlt wurden. Das erste dieser Interviews war das mit Schönberg. Die Aufnahme fand im Juli statt, und zwar im Haus des Komponisten in Brentwood [...] Bis zu jenem Zeitpunkt war er offensichtlich nicht informiert worden, daß seine Bilder nicht ausgestellt würden. Aus irgendeinem Grund hatte die Ausstellung nicht organisiert werden können, und das Konzert fand ohne visuelle Ergänzung statt. Das war für Schönberg eine Überraschung; er war darauf vorbereitet, hauptsächlich über sein bildnerisches Werk zu sprechen.« (Halsey Stevens: A Conversation with Schoenberg about Painting, in: Journal of the Arnold Schoenberg Institute 2 [June 1978], No. 3, p. 178.) Programm des Konzerts am 22. Januar 1950: Streichtrio op. 45 (Adolph Koldofsky, Cecil Figelski, Kurt Reher); Abschied op. 1/2; Der verlorene Haufen op. 12/2 (Scotte Sloan, Leonard Stein); Fantasie für Violine mit Klavierbegleitung op. 47 (Adolph Koldofsky, Leonard Stein); Ode an Napoleon Buonaparte op. 41 (Adolph Koldofsky, David Selmont, Cecil Figelski, Kurt Reher, Leonard Stein, William Schallert, Wolfgang Fraenkel). |
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