Zum Rundgespräch in San Francisco über moderne Kunst

Ich möchte gern die Frage erörtert sehen, ob es Gründe oder Ursachen gab, welche die Künstler zwangen, von der Nachahmung der Natur abzulassen und ihre Werke zu stilisieren oder zu konventionalisieren. In unserer Zeit scheint es mir Umstände zu geben, welche die Malerei gezwungen haben, sich von der Natur abzuwenden. Es war die Photographie, die zwar niemals Kunstwerke zu liefern vermochte, die aber in jeder anderen Hinsicht den Käufer, den Kunden, das Publikum, die Öffentlichkeit in einer ihren Wünschen entsprechenden Weise zufriedenstellte, nämlich als Gedächtnisstütze und als Hilfsmittel, um Dinge zu sehen, an die sie sich erinnern wollten, und Dinge, die sie sonst nie gesehen hätten.

Die Malerei vermochte sich von den Errungenschaften der Photographie nur durch Abweichung zu unterscheiden und natürlich durch künstlerische Vorzüge. Diese künstlerischen Vorzüge hätten leicht als Manierismus statt als Kunst verstanden werden können. Das hätte falsch sein, aber einigen Einfluß auf viele Künstler haben können. Für die Bildhauerei bestand ein solcher Grund nicht. Die Skulptur befriedigt den Käufer, der die Ähnlichkeit eines Portraits, eines Modells sehen möchte, noch immer, und daher braucht zumindest dieser Kunstzweig nicht von der Natur abzuweichen.

Die Frage ist nun: warum wich die Bildhauerei ebenfalls ab?

Ich staunte immer, wenn ich in Schloß Sanssouci in Potsdam bei Berlin eine Gemäldegalereie sah, deren Bilder alle eines gemeinsam hatten, eine Besonderheit: es waren Portraits der Hohenzollern oder vielleicht der Kurfürsten von Brandenburg mit sehr schmalen, langgestreckten Schädeln, wie man sie bei Menschen kaum sehen dürfte. Es scheint mir außer Zweifel, daß auch diese Maler, oder dieser Maler, ihre Werke stilisierten oder konventionalisierten. Hier gab es keinen Grund der sie zwang, von der Natur abzuweichen. Es mag bei einigen asiatischen Nationen religiöse Gesetze gegeben haben, die die getreue Nachahmung der menschlichen Gestalt verboten. Wir alle wissen zum Beispiel, daß es den Juden nicht gestattet war, das Bild des Menschen wiederzugeben. Dies könnte eine teilweise Erklärung für die indischen Menschendarstellungen und viele andere Schöpfungen ostasiatischer Nationen sein. Man könnte sich fragen, ob sie das menschliche Bildnis nicht darstellten wegen der Schwierigkeit, die Natur in so vollkommener Weise nachzuahmen, daß die Ähnlichkeit befriedigend ist. Aber dieser Gedanke scheint mir ganz falsch. Wenn man ihre Geschicklichkeit in Goldschmiede- und anderen Metallarbeiten zum Vergleich heranzieht und die wundervollen Gebäude, die sie zu errichten verstanden, dann muß man eine solche Beschuldigung fallen lassen. Es muß in Ägypten und den asiatischen Ländern, besonders in Indien, die Idee des Stilisierens, des Konventionalisierens gegeben haben. Ob aus religiösen oder einfach aus künstlerischen Gründen, darüber möchte ich gern Ihre Meinung hören.

Es scheint mir, daß es das unbestreitbare Recht des Künstlers ist, von der Natur abzuweichen. Es gab nicht nur in unseren Tagen, sondern vermutlich zu allen Zeiten den Hang des Künstlers, Kunstwerke unabhängig von der Wirklichkeit, unabhängig von dem, was man wirklich sieht, zu schaffen. Seine Vorstellungskraft, seine Phantasie zu gebrauchen, ist gewiß das Recht eines Künstlers, und wenn man dies zugibt, darf man nicht vergessen, daß auch Breugels Bilder nicht die Natur darstellen – sie sind wirkliche Phantasie.

Aber andererseits würde ich nicht so streng sein, den Malern zu verbieten zu malen, was ihre Vorstellungskraft ihnen diktiert, wenn sie nicht beweisen können, daß sie auch etwas anderes zu malen, daß sie auch die Natur nachzuahmen imstande sind. Ich kenne Bilder von Kandinsky aus der Zeit, bevor er sich der abstrakten Malerei zuwandte. Ich weiß, daß Kokoschka im rechten Augenblick ein wundervolles Bild, ein wundervolles Portrait zu zeichnen vermag, und ich habe auch andere Maler gekannt, die das gleiche Können besaßen, und niemand kann sagen, daß sie sich aus Mangel an Können von der Natur abwandten. Zweifellos trifft das gleiche auf Picasso, Matisse und viele andere große Künstler zu. Und es ist für den Kunstliebhaber sehr angenehm zu sehen, daß der Mensch, der von der Natur abweicht, dazu nicht aus Mangel an Können gezwungen ist.

Vielleicht gibt es auch einige andere Eigenschaften, die das Werk des einen Meisters überzeugend wirken lassen und das des anderen nicht. Wenn man Goldfisch und Skulptur von Matisse anschaut, kann man das Kunstvolle dieses Werkes nicht leugnen. Das gleiche scheint mir auf Rouaults Die drei Richter zuzutreffen. Dies Bild ist wirklich weit von der Natur entfernt. Trotzdem hat es solch eine große Ausdruckskraft, besonders die mittlere Figur sieht derart nach einem Verbrecher aus, daß sie sehr überzeugend ist.

In solchen Werken findet sich gewiß nichts von dem »épater le bourgeois«, was sich bei einigen anderen unter den modernen Malern und Bildhauern beobachten ließe. Ich würde einem jungen Künstler das Recht auf das »épater le bourgeois« nicht absprechen. Es ist Temperamentssache, und er mag manchmal sogar etwas tun, was er später vielleicht nicht mehr gutheißen würde. Ich muß zugeben, daß ich diese Gesichtspunkte anführte, weil ich sie auch auf die Musik anwendete. Tatsächlich glaube ich daran, daß man sämtliche technischen Erfordernisse der musikalischen Kunst gründlich studiert haben muß, bevor man sich modernen Formen zuwendet. Und ich glaube, daß diejenigen, die diese Studien getrieben und alles gelernt haben, was man von den vorausgegangenen Meistern lernen kann, sich immer von den andern unterscheiden werden. Das Mindeste ist, daß sie wenigstens immer ein gewisses Gefühl für Ausgewogenheit und für die Grenzen des Ausdrucks lernen, nicht zu vergessen die gründliche Ausarbeitung.

Der Gedanke im Kunstwerk muß in jedem Abschnitt und jedem Segment dargestellt sein. Ich würde nicht so weit gehen wie Huxley mit seiner Ansicht, daß die Verwendung nur eines Gesichts für alle weiblichen Personen ein Mittel zur Vereinheitlichung ist. Warum nur das Gesicht? Warum nur die Frauen? Ist der Rest nicht auch in dieser Einheit beschlossen? Außerdem ist diese Idee, Einheit auf solch eine mechanistische Art und Weise herzustellen, sehr materialistisch. Das Gesicht einer Person in Bewegung ist in der Malerei kein sehr entscheidendes Faktum. Man wird eher die Bewegung als das Gesicht wahrnehmen. Ich würde dies auch keine formale Beziehung nennen. Eher würde ich sagen, daß es eine materielle Beziehung ist.

Ich persönlich glaube an l’art pour l’art. Beim Schaffen eines Kunstwerks sollte nichts den wirklichen Gedanken stören. Ein Kunstwerk muß seinen eigenen Gedanken gründlich ausführen und den Bedingungen folgen, die dieser Gedanke aufstellt. Das bedeutet nicht, daß ein Künstler Prinzipien haben muß, denen er gehorcht und die er unter allen Umständen ausführt. Solche Prinzipien werden im allgemeinen wohl äußerlich sein, und ihre Anwendung würde ein Kunstwerk mit Gewißheit seiner natürlichen Bedingungen berauben. Es gibt wohl nur ein Prinzip, dem jeder Künstler gehorchen sollte, nämlich: sich niemals nach dem Geschmack der Mediokren zu richten, nach dem Geschmack unbedeutender Menschen, die das bevorzugen, was ein Künstler niemals schaffen würde. Das heißt nicht, daß es keine populäre Kunst gibt, die ihre eigenen Gesichtspunkte und sogar ihren eigenen Ehrenkodex hat. Ich möchte sagen, daß der Wiener Komponist Johann Strauß und der Wiener Satiriker Johann Nestroy und zum Beispiel der Amerikaner Gershwin und Jacques Offenbach die Fähigkeit besaßen, genau auszudrücken, was die Menschen denken und fühlen. Ihre Gedanken befanden sich auf gleicher Ebene mit den Gedanken und Gefühlen der Massen. Es ist nichts Unrechtes an solchen Schöpfungen, aber es ist unrecht von einem ernsthaften Komponisten, in seinen Werken solche Stellen zu schreiben oder einzuschließen, von denen er fühlt, daß sie dem Publikum gefallen oder von allgemeiner Wirkung sein würden. Es gibt einen großen Komponisten, von dem behauptet wird, daß er gesagt hat – ich glaube es nicht –: »In jedem meiner Werke muß eine Melodie vorkommen, die der dümmste Hörer verstehen kann.« Ich glaube es, wie gesagt, nicht. Aber ich bin sicher, daß es, wenn das stimmte, nur idiotische Hörer seiner Werke gäbe – was nicht der Fall war.

Die Idee, ernsthaftes und populäres Schreiben miteinander zu verbinden, ist völlig abwegig. So ist die Idee der kommunistischen Musiker, Musik für alle zu schreiben, in der die Menschen ihre alten Weisen, die sie ganz und gar verstehen, hören können, ein Verbrechen an der Kunst. Was ich außerdem nicht verstehen kann, ist: daß solch eine Notwendigkeit existiert. Warum sollte es nicht auf der einen Seite Musik für gewöhnliche, mittelmäßige, nicht-verstehende, uneingeweihte Menschen geben und auf der anderen Seite solche Musik für die Wenigen, die sie verstehen? Ist es notwendig, daß genau derselbe Komponist, der für die Wenigen zu schreiben vermag, auch für alle schreiben muß? Ist es nicht besser, wenn es Spezialisten gibt, von denen der eine für alle und der andere für wenige schreibt?

Und das gleiche scheint mir auf die Kunst zuzutreffen. Zumindest der gleiche Standpunkt.

Unleugbar hat die Kunst häufig politischen Zwecken gedient. Man darf nicht die vielen Dichter zu erwähnen vergessen, die politische Gedichte oder Dramen schrieben wie die Freiheitskämpfer und auch jene, die die Gesellschaft verändern wollten. In der Musik sollte man Mozart mit seiner Hochzeit des Figaro und seiner Zauberflöte und Beethoven mit seinem Fidelio nicht vergessen. Und zweifellos trugen die Karikaturisten viel zu politischen Bewegungen bei. Es ist seltsam, daß solche Kunstwerke oft Größe besitzen, selbst wenn sie nicht zu den unsterblichen gehören. Dies zeigt, wie unzulänglich Prinzipien im allgemeinen sind, weil alles von der Inspiration abhängt. Vermutlich müßte man zugestehen, daß solch ein Gedanke das Ergebnis der Inspiration eines politisch überzeugten Künstlers ist. Ich selber habe einige Stücke geschrieben, die unbestreitbar politisch sind. Zum Beispiel meine Ode an Napoleon, und vielleicht wird man das gleiche von meiner Oper Moses und Aaron finden. Ich muß zugeben, daß ich bei meiner Inspiration nicht das Gefühl hatte, in diesem Fall von irgendeinem künstlerischen Prinzip abzuweichen.

Ich bin nicht ganz davon überzeugt, daß jeder imstande ist – dies zu Ihrer Frage Nr. 10 –‚ den künstlerischen Wert eines Michelangelo und der anderen Künstler, die Sie zitieren, zu begreifen. Aber bis zu einem gewissen Grad sieht er etwas in ihnen. Er wird sicherlich von einigen ihrer Qualitäten angesprochen. Daran ist nichts Verwunderliches. Schopenhauer sagt, daß die Würdigung künstlerischer und literarischer Werke und die Würdigung der Größe auf der, wie er sagt, »auctoritas« – wir würden sagen Autorität – beruht und er meint damit, daß so viele verantwortliche Menschen den Ruhm dieses Werkes begründet haben, daß niemand in der Lage ist, ihn zu leugnen.

Aber es scheint auch die Zeit, die seit der Schöpfung eines Kunstwerkes vergangen ist, ein Faktor zu sein, der das Erfassen seiner Werte erleichtert. Ich selber habe in meinem kurzen Leben – oder nennen Sie es lang – schon oft die Erfahrung gemacht, daß Werke, die bei ihrer Uraufführung ausgezischt und belacht wurden, jetzt sehr viel Erfolg haben. Zum Beispiel sind meine Verklärte Nacht und auch andere Werke von mir jetzt fast jedermann verständlich, während sie am Anfang großes Mißgeschick hatten.

Ich persönlich schätze den Ausdruck »modern« nicht sehr. Er hat zu sehr den Beigeschmack von Mode, von etwas, das seine Zeit nicht überlebt. Ich persönlich möchte eher sagen, daß Richard Wagner recht hatte, als er seine Musik »die Kunst der Zukunft« nannte. Ich meine, ein Künstler sollte so schreiben, daß die Zukunft sein Werk noch schätzt. Nicht nur die Gegenwart. Für die Gegenwart schreiben – das bedeutet für mich modern schreiben. Insofern ist das Wort »zeitgenössisch« in vielen Fällen angebrachter. Viele Kunstwerke sind wirklich nur die Werke von Menschen, die zur selben Zeit leben und zur selben Zeit sterben werden.

Zu Ihrer Frage Nr. 12:Der Vorschlag, eine Alternative zur modernen Kunst anzubieten, steht für mich überhaupt nicht zur Diskussion. Ich möchte wissen, wie seriöse Leute einen solchen Vorschlag machen können. Wie wäre es, wenn sie den gleichen Vorschlag einem Naturwissenschaftler machen würden? Nämlich daß er sich nach einer Ersatzentdeckung in Chemie oder Physik umschauen sollte. Ich meine nach einer, die schon gemacht ist. Oder wie wäre es, wenn Sie einen Schachspieler aufforderten, genau dieselben Züge auszuführen wie ein anderer Meister vor hundert Jahren? Kunst ist für mich: neue Kunst. Das, was nie zuvor gesagt oder getan worden ist – nur das kann Kunst sein, es muß nicht Kunst sein, weil es noch eine weitere Anzahl von Eigenschaften gibt, die zugleich vorhanden sein müssen; aber dies ist die Mindestforderung – neu zu sein in jeder Hinsicht.

Zu Ihrer Frage Nr. 15. Ich bin völlig überzeugt, daß das Denken und Fühlen von Malern, Bildhauern und anderen Künstlern genau das gleiche ist wie das von Musikern. Ich meine das Grundgefühl, dasjenige, was nach dem Schaffen verlangt, diesen Schaffensdrang. Diese Überlegung könnte mir das Recht geben, als Musiker zu antworten: ich glaube nicht, daß der Besitz der größten Atombombe und des billigsten Eisschranks irgendeinen Einfluß auf die Qualität der zu schaffenden Werke hat.

Zu Ihrer Frage Nr. 8: Daß so viele große Maler wie Delacroix, Courbet und Komponisten wie Debussy und Dichter wie Victor Hugo und Flaubert von feindseliger Kritik angegriffen worden sind, zeigt meiner Meinung nach bloß, wie sehr sich die Kritiker ständig irren. Die anwesenden Kritiker mögen dies bitte entschuldigen und nicht als Angriff betrachten. Ich selbst habe, obwohl ich nie Kritiker bei einer Zeitung war, sehr viel Kritik geäußert, die ich später für höchst bedauernswert schlecht hielt. Daraus habe ich geschlossen, daß es ein Glück für mich gewesen ist, niemals zu öffentlicher Kritik von Kunstwerken gezwungen gewesen und deshalb der damit verbundenen Schuld entgangen zu sein.

Zu Ihrer Frage Nr. 5: Ob die Kunst, die unserer komplexen Gesellschaft entspricht, von deutlicher Vortrefflichkeit sein würde, vermag man nicht vorauszusagen. Ich glaube, daß das nichts miteinander zu tun hat; es kommt nur darauf an, ob es ein Genie gibt, das fähig ist, diese Vortrefflichkeit zu schaffen oder nicht.

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Arnold Schönberg Center, Wien (T 72.01)

Datiert: 8. April 1949. Veröffentlicht in: Arnold Schoenberg: Zum Rundgespräch in San Francisco über moderne Kunst, in: ders.: Stil und Gedanke, herausgegeben von Ivan Vojtech. Frankfurt am Main 1976, p. 392–396 (Gesammelte Schriften. 1.) Geschrieben auf Einladung der San Francisco Art Association in Antwort auf einen Fragebogen vom 15. März 1949. An dem vom amerikanischen Musikkritiker Alfred Frankenstein veranstalteten Rundgespräch konnte Schönberg zwar nicht teilnehmen, es ist jedoch eine originale Sprachaufnahme des Textes im Nachlaß erhalten.

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