Orchester-Vorspiel (No. 1)
»Nun dämpft die Dämm’rung jeden Ton« (No. 2)
»Oh, wenn des Mondes Strahlen milde gleiten« (No. 3)
»Roß! Mein Roß! Was schleichst du so träg!« (No. 4)
»Sterne jubeln, das Meer, es leuchtet« (No. 5)
»So tanzen die Engel vor Gottes Thron nicht« (No. 6)
»Nun sag ich dir zum ersten Mal« (No. 7)
»Es ist Mitternachtszeit« (No. 8)
»Du sendest mir einen Liebesblick« (No. 9)
»Du wunderliche Tove!« (No. 10)
Orchester-Zwischenspiel (No. 11)
»Tauben von Gurre! Sorge quält mich!« (No. 12)
Teil II
»Herrgott, weißt du, was du tatest« (No. 1)
Teil III
»Erwacht, König Waldemars Mannen wert!« (No. 1)
»Deckel des Sarges klappert und klappt« (No. 2)
»Gegrüßt, o König, an Gurre-Seestrand!« (No. 3)
»Mit Toves Stimme flüstert der Wald« (No. 4)
»Ein seltsamer Vogel ist so 'n Aal« (No. 5)
»Du strenger Richter droben« (No. 6)
»Der Hahn erhebt den Kopf zur Kraht« (No. 7)
Des Sommerwindes wilde Jagd
Orchester-Vorspiel (No. 8)
Melodram: »Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut« (No. 9)
»Seht die Sonne« (No. 10)
AUFFÜHRUNGSDAUER: ca. 110 Min.
TEXT: Jens Peter Jacobsen (Übersetzung: Robert Franz Arnold)
ENTSTEHUNGSZEIT: März 1900 - 1903, Juli 1910 - 7. November 1911
ERSTAUFFÜHRUNG:
14. Januar 1910 Wien., Ehrbar-Saal (Aufführung des ersten Teils in einer Bearbeitung für 2 Klaviere zu acht Händen; Martha Winternitz-Dorda, Sopran; Hans Nachod, Tenor; Etta Werndorf, Arnold Winternitz, Anton Webern, Rudolf Weinrich, Klavier);
23. Februar 1913 (Wien, Großer Musikvereins-Saal; Waldtaube: Anna Bahr-Mildenburg, Tove: Marya Freund, Waldemar: Hans Nachod, Philharmonischer Chor; Dir. Franz Schreker)
ERSTDRUCKE: Klavierauszug von Alban Berg, Universal Edition, Wien 1912 (UE Nr. 3697) (1913); Universal Edition, Wien (August) 1920; »Lied der Waldtaube«, Bearbeitung für Gesang und Kammerorchester, Universal Edition, Wien 1923
FASSUNGEN: Frühfassung für Singstimme und Klavier (1900/1901); Klavierauszug (vor 1904) (verschollen); Originalfassung für Soli, Chor und Orchester (1900-1911); »Lied der Waldtaube« aus den Gurreliedern, Bearbeitung für Singstimme und Kammerorchester (1922)
NOTENMATERIAL: Universal Edition UE 6300 (Partitur); UE 3696 (Klavierauszug); UE 18412 (Studienpartitur); UE 5333 (Lieder der Waldtaube, Klavierauszug); UE 18618 (Fanfare, Stimmensatz)
Belmont Music Publishers (USA, Canada, Mexico): Bel 1005 (Partitur); Bel 1029 (Fanfare)
Die Komposition der Gurre-Lieder erstreckt sich über einen für Arnold Schönberg ungewöhnlich langen Zeitraum: zwischen 1900 und 1911 arbeitete er – immer wieder von längeren Pausen unterbrochen –an dem Werk. Am intensivsten setzte er sich zwischen März 1900 und März 1901 mit dem Stück auseinander, in dieser Zeit hatte Schönberg die Gurre-Lieder nach eigenen Angaben bereits ›vollendet‹. Zwischen 1901 und 1903 arbeitete er an der Instrumentation, danach ließ er die Komposition für ganze sieben Jahre liegen. In dieser Zeit entfernte er sich stark von seinem damals noch spätromantisch geprägten Stil. Als er 1910/11 die Instrumentation vollendete empfand er das Werk bereits als Dokument eines Kompositionsstiles und einer Geisteshaltung, der er mittlerweile ferne stand, ohne dass sie deshalb an Bedeutung verlor: »Dieses Werk ist der Schlüssel zu meiner ganzen Entwicklung. Es zeigt mich von Seiten, von denen ich mich später nicht mehr zeige oder doch von einer anderen Basis. Es erklärt, wie alles später so kommen mußte, und das ist für mein Werk enorm wichtig: daß man den Menschen und seine Entwicklung von hier aus verfolgen kann.«
Die Geschichte um König Waldemar und seiner geliebten Tove, die schließlich von der eifersüchtigen Königin ermordet wird, lässt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen und gehört in ihren verschiedenen Versionen zum nationalen Sagengut Dänemarks. Der Stoff erfuhr im Lauf der Zeit mehrere Veränderungen, unter anderem Hinzufügungen von konkreten Ortsbezeichnungen sowie die Vorstellung vom ruhelos umherschweifenden König. In weiterer Folge wurde die Erzählung auf den 1375 auf Schloß Gurre verstorbenen König Waldemar IV. projiziert. Diese Fassung übernahm Jens Peter Jacobsen als Vorlage für seine 1868 entstandenen Gedichte. Jacobsens Lyrik übte eine starke Anziehungskraft auf Schönberg aus. Der Dichter setzte sich intensiv mit religiösen Fragen auseinander und wendete sich schließlich vom Christentum ab und dem Darwinismus zu, was in den Gurre-Liedern insbesondere in den Konstellationen Natur – Gott, Liebe – Tod zum Tragen kommt.
Unmittelbarer Anlaß für den Beginn der Komposition war die Ausschreibung eines Kompositionswettbewerbs für einen Liederzyklus mit Klavierbegleitung des Wiener Tonkünstlervereins. Alexander Zemlinsky, Schönbergs Lehrer und Freund überliefert: »Schönberg, der sich um den Preis bewerben wollte, komponierte einige wenige Lieder nach Gedichten von Jakobsen. Ich spielte sie ihm vor (Schönberg spielte bekanntlich nicht Klavier.) Die Lieder waren wunderschön und wirklich neuartig, aber beide hatten wir den Eindruck, daß sie gerade deshalb wenig Aussicht für eine Preisbewerbung hätten.« Dementsprechend reichte Schönberg seine Komposition nicht ein, sondern entschloß sich zu einer Umarbeitung für Gesang und Orchester. Er bedient sich eines kolossalen Klangapparates: fünf Solisten und Sprecher, drei vierstimmige Männerchöre, ein achtstimmiger gemischter Chor und riesiges Orchester.
Der erste Teil der Gurre-Lieder setzt sich aus einem Vorspiel, neun Liedern Waldemars und Toves, einem längeren Orchesterzwischenspiel und dem »Lied der Waldtaube« zusammen. Anders als Gustav Mahler, der im »Lied von der Erde« eine Folge von sechs Orchesterliedern mit Satztypen einer Symphonie verschmilzt, suchte Schönberg keine entsprechenden Äquivalenzen. Allerdings schließen sich die selbständigen Einzellieder durch thematische Beziehungen zu einer weit gespannten Form zusammen. Den inneren Zusammenhalt bedingt das Wiedererscheinen bestimmter thematischer Bildungen, die eng im jeweiligen Kontext verwoben sind. Liedübergreifende Motive werden immer aus neuen, für das Einzelstück charakteristischen Gedanken gewonnen. Alban Berg spricht in seinem Gurre-Lieder-Führer von der »Wiedergeburt [...] eines Themas aus neuen Motiven« und von einem »typisch Schönbergischen Kunstmittel«. Ein weiteres Bindeglied der in sich geschlossenen Einzellieder bilden die Überleitungen. Berg stellt in seiner Analyse von Toves Lied »O, wenn des Mondes Strahlen ruhig gleiten« dar, »wie ein Lied in das andere übergeht, wie sich aus Ausläufern, Motivbestandteilen ein Überleitungsmodell bildet, das wieder wichtige Bestandteile des neuen Liedes in sich birgt«. In diesen Techniken manifestiert sich das Prinzip der ›thematischen Entwicklung‹, die sich auf zwei Ebenen abspielt: auf der Ebene des Einzelliedes und auf der des gesamten Werkes. Die Folge der Orchesterlieder 1 – 9 bildet einen thematischen Prozess, der eine quasi-symphonische Konzeption verrät, welche durch die Kategorien der Vorahnung und Erfüllung bestimmt ist. Die melodische Gestalt, in der dieser Prozess seinen Abschluß findet (»So laß uns die goldene Schale leeren«) ist die Steigerung eines unscheinbaren Gedankens aus dem ersten Lied »Nun dämpft die Dämmrung jeden Ton«.
In den Tove- und Waldemarliedern wird stets zwischen Hauptstimme und Begleitung unterschieden, wobei die Hauptstimme nicht immer im Gesang liegen muß. Dennoch ist der erste Teil des Zyklus durchweg vom Gesang geprägt. Themen und Motive, die im dritten Teil wiederkehren sind weniger ›Orchestermotive‹ als ›Gesangsmotive‹. Sie bilden kein »Gewebe über das ganze Werk« (Richard Wagner), sie bleiben dem Vers verhaftet, aus dem sie entstanden sind. Das Orchester verwandelt die harmonische Faktur in ein klanglich reiche differenzierte Begleitung. Thematisch-motivische Arbeit geschieht vor allem in den Zwischenspielen, in denen das Orchester die Lieder ›kommentiert‹. So auch in der großangelegten Durchführung im ersten Teil. Das Orchester holt hier nach, was in den Liedern unmöglich ist: eine konsequente symphonische Verknüpfung der Themen.
Die »Idee des Liedsingens«, wie sie sich in den Wechselgesängen Toves und Waldemars manifestiert, wird in der instrumentalen Überleitung zum Lied der Waldtaube (T. 944) zerstört. Der Tutti-Schlag in Takt 950, und das anschließende Englischhornsolo geben wieder, was die Dichtung verschweigt: den Anschlag auf Tove und ihren Tod. Die Wende reflektiert Schönberg in den bereits angedeuteten dichterisch-musikalischen Kategorien ›Erinnerung‹ und ›Antizipation‹. Vergangenes (das Beisammensein von Waldemar und Tove) wird von der Waldtaube, dem Sprecher und von Waldemar selbst vergegenwärtigt. Waldemars Verhaftung in der längst vergangenen Zeit des Liebesglücks kommt im Lied des Klaus Narr zum Ausdruck. Gegenstück zu diesen Erinnerungsmomenten sind die in Teil I eingesprengten Antizipationen: während des Beisammenseins mit Tove nimmt Waldemar die in Teil III dargestellte Wirklichkeit vorweg. Die Erinnerungen sind in Orchestermotive transformierte Liedmelodien aus dem ersten Teil. Der nicht-liedmäßige Satz spiegelt das verlorene Liebesglück. Es wird negiert, worin dieses sich äußert: im Lied-Singen.
Agnes Grond
© Arnold Schönberg Center
Gurre-Lieder
Jens-Peter Jacobsen
I. TEIL
ORCHESTER-VORSPIEL
WALDEMAR
Nun dämpft die Dämmrung jeden Ton
von Meer und Land,
die fliegenden Wolken lagerten sich
wohlig am Himmelsrand.
Lautloser Friede schloss dem Forst
die luftigen Pforten zu,
und des Meeres klare Wogen
wiegten sich selber zur Ruh'.
Im Westen wirft die Sonne
von sich die Purpurtracht,
und träumt im Flutenbette
des nächsten Tages Pracht.
Nun rührt sich nicht das kleinste Laub
in des Waldes prangendem Haus,
nun tönt auch nicht der leiseste Klang,
ruh aus, mein Sinn, ruh aus!
Und jede Macht ist versunken
in der eignen Träume Schoss,
und es treibt mich zu mir selbst zurück,
stillfriedlich, sorgenlos.
TOVE
O, wenn des Mondes Strahlen leise gleiten,
und Friede sich und Ruh' durchs All verbreiten,
nicht Wasser dünkt mich dann des Meeres Raum,
und jener Wald scheint nicht Gebüsch und Baum.
Das sind nicht Wolken, die den Himmel schmücken,
und Tal und Hügel nicht der Erde Rücken,
und Form und Farbenspiel, nur eitle Schäume,
und Alles: Abglanz nur der Gottesträume.
WALDEMAR
Roß! Mein Roß! was schleichst du so träg!
Nein, ich seh's, es flieht der Weg
hurtig unter der Hufe Tritten.
Aber noch stärker mußt du eilen,
bist noch in des Waldes Mitten,
und ich wähnte, ohn' Verweilen
sprengt ich gleich in Gurre ein.
Nun weicht der Wald, schon seh' ich dort die Burg, die Tove mir umschliesst,
indes im Rücken uns der Forst zu finstrem Wall zusammenfliesst;
aber noch wilder jage du zu!
Sieh, des Waldes Schatten dehnen
über Flur sich weit und Moor!
Eh' sie Gurres Grund erreichen,
muß ich stehn vor Toves Tor.
Eh' der Laut, der jetzo klinget,
ruht, um nimmermehr zu tönen,
muß dein flinker Hufschlag, Renner,
über Gurres Brücke dröhnen;
eh' das welke Blatt - dort schwebt es –
mag herab zum Bache fallen,
muß in Gurres Hof dein Wiehern
Fröhlich widerhallen. –
Der Schatten dehnt sich, der Ton verklingt,
nun falle, Blatt, magst untergehn:
Volmer hat Tove gesehn!
TOVE
Sterne jubeln, das Meer, es leuchtet,
preßt an die Küste sein pochendes Herz.
Blätter, sie murmeln, es zittert ihr Tauschmuck,
Seewind umfängt mich in mutigem Scherz.
Wetterhahn singt, und die Turmzinnen nicken,
Burschen stolzieren mit flammenden Blicken,
wogende Brust voll üppigen Lebens
fesselt die blühende Dirne vergebens,
Rosen, sie mühn sich, zu spähn in die Ferne,
Fackeln, sie lodern und leuchten so gerne.
Wald erschließt seinen Bann zur Stell',
horch, in der Stadt nun Hundegebell! –
Und die steigenden Wogen der Treppe
tragen zum Hafen den fürstlichen Held,
bis er auf alleroberster Staffel
mir in die offenen Arme fällt.
WALDEMAR
So tanzen die Engel vor Gottes Thron nicht,
wie die Welt nun tanzt vor mir.
So lieblich klingt ihrer Harfen Ton nicht,
wie Waldemars Seele dir.
Aber stolzer auch saß neben Gott nicht Christ
nach dem harten Erlösungsstreite,
als Waldemar stolz nun und königlich ist
an Tovelilles Seite.
Nicht sehnlicher möchten die Seelen gewinnen
den Weg zu der Seligen Bund,
als ich deinen Kuß, da ich Gurres Zinnen
sah leuchten vom Öresund.
Und ich tausch' auch nicht ihren Mauerwall
und den Schatz, den sie treu mir bewahren,
für Himmelreichs Glanz und betäubenden Schall
und alle der Heiligen Scharen!
TOVE
Nun sag' ich dir zum ersten Mal:
"König Volmer, ich liebe dich."
Nun küss' ich dich zum erstenmal,
und schlinge den Arm um dich.
Und sprichst du, ich hätt' es schon früher gesagt
und je meinen Kuß dir geschenkt,
so sprech' ich: "Der König ist ein Narr,
der nichtigen Tandes gedenkt."
Und sagst du: "Wohl bin ich solch ein Narr,"
so sprech' ich: "Der König hat recht;"
doch sagst du: "Nein, ich bin es nicht,"
So sprech' ich: "Der König ist schlecht."
Denn all meine Rosen küßt' ich zu Tod,
dieweil ich deiner gedacht.
WALDEMAR
Es ist Mitternachts Zeit,
und unsel'ge Geschlechter
stehn auf aus vergessnen, eingesunknen Gräbern,
und sie blicken mit Sehnsucht
nach den Kerzen der Burg und der Hütte Licht.
Und der Wind schüttelt spottend
nieder auf sie
Harfenschlag und Becherklang
und Liebeslieder.
Und sie schwinden und seufzen:
"Unsre Zeit ist um." –
Mein Haupt wiegt sich auf lebenden Wogen,
meine Hand vernimmt eines Herzens Schlag,
lebenschwellend strömt auf mich nieder
glühender Küsse Purpurregen,
und meine Lippe jubelt:
"Jetzt ist's meine Zeit!"
Aber die Zeit flieht,
und umgehn werd' ich
zur Mitternachtsstunde
dereinst als tot,
werd' eng um mich das Leichenlaken ziehn
wider die kalten Winde,
und weiter mich schleichen im späten Mondlicht,
und schmerzgebunden
mit schwerem Grabkreuz
deinen lieben Namen
in die Erde ritzen,
und sinken und seufzen:
"Unsre Zeit ist um."
TOVE
Du sendest mir einen Liebesblick
und senkst das Auge,
doch der Blick preßt deine Hand in meine,
und der Druck erstirbt;
aber als liebeweckenden Kuß
legst du meinen Händedruck mir auf die Lippen –.
Und du kannst noch seufzen um des Todes willen,
wenn ein Blick auflodern kann
wie ein flammender Kuß!
Die leuchtenden Sterne am Himmel droben
bleichen wohl, wenn's graut,
doch lodern sie neu jede Mitternachtszeit
in ewiger Pracht.
– So kurz ist der Tod,
wie ruhiger Schlummer
Von Dämmrung zu Dämmrung,
und wenn du erwachst:
bei dir auf dem Lager
in neuer Schönheit
siehst du strahlen
die junge Braut.
So laß uns die goldene
Schale leeren
ihm, dem mächtig verschönenden Tod:
Denn wir gehn zu Grab
wie ein Lächeln, ersterbend
Im seligen Kuß.
WALDEMAR
Du wunderliche Tove!
So reich durch dich nun bin ich,
daß nicht einmal mehr ein Wunsch mir eigen.
So leicht meine Brust,
mein Denken so klar,
ein wacher Frieden über meiner Seele.
Es ist so still in mir,
so seltsam stille.
Auf der Lippe weilt brückeschlagend das Wort,
doch sinkt es wieder zur Ruh'.
Denn mir ist's, als schlüg' in meiner Brust
deines Herzens Schlag,
und als höbe mein Atemzug,
Tove, deinen Busen.
Und unsre Gedanken seh' ich
entstehn und zusammengleiten.
wie Wolken, die sich begegnen,
und vereint wiegen sie sich in wechselnden Formen.
Und meine Seele ist still,
ich seh' in dein Aug' und schweige,
Du wunderliche Tove!
ORCHESTER-ZWISCHENSPIEL
STIMME DER WALDTAUBE
Tauben von Gurre! Sorge quält mich,
vom Weg über die Insel her!
Kommet! Lauschet!
Tot ist Tove! Nacht auf ihrem Auge,
das der Tag des Königs war!
Still ist ihr Herz.
Doch des Königs Herz schlägt wild,
tot und doch wild!
Seltsam gleichend einem Boot auf der Woge,
wenn der, zu des Empfang die Planken huldigend sich gekrümmt,
– des Schiffes Steurer tot liegt, verstrickt in der Tiefe Tang. –
Keiner bringt ihnen Botschaft,
unwegsam der Weg!
Wie zwei Ströme waren ihre Gedanken,
Ströme fließend Seit' an Seite!
Wo strömen nun Toves Gedanken?
Die des Königs winden sich seltsam dahin,
suchen nach denen Toves –
finden sie nicht.
Weit flog ich, Klage sucht' ich, fand gar viel!
Den Sarg sah ich auf Königs Schultern,
Henning stützt' ihn.
Finster war die Nacht, eine einzige Fackel
brannte am Weg;
die Königin hielt sie, hoch auf dem Söller,
rachebegierigen Sinns.
Tränen, die sie nicht weinen wollte,
funkelten im Auge.
Weit flog ich, Klage sucht' ich, fand gar viel!
Den König sah ich, mit dem Sarge fuhr er
im Bauernwams.
Sein Streitroß, das oft zum Sieg ihn getragen,
zog den Sarg.
Wild starrte des Königs Auge, suchte
nach einem Blick!
Seltsam lauschte des Königs Herz
nach einem Wort.
Henning sprach zum König;
aber noch immer sucht' er Wort und Blick –––!
Der König öffnet Toves Sarg,
starrt und lauscht mit bebenden Lippen –
Tove ist stumm!
Weit flog ich, Klage sucht' ich, fand gar viel!
Wollt' ein Mönch am Seile ziehn,
Abendsegen läuten.
Doch er sah den Wagenlenker
und vernahm die Trauerbotschaft:
Sonne sank, indes die Glocke
Grabgeläute tönte.
Weit flog ich, Klage sucht' ich und den Tod!
Helwigs Falke
war's, der grausam
Gurres Taube zerriß!
II. TEIL
WALDEMAR
Herrgott, weißt du, was du tatest,
als klein Tove mir verstarb!?
Triebst mich aus der letzten Freistatt,
die ich meinem Glück erwarb.
Herr! du solltest wohl erröten,
Bettlers einz'ges Lamm zu töten.
Herrgott! ich bin auch ein Herrscher,
und es ist mein Herrscherglauben:
meinem Untertanen darf ich
nie die letzte Leuchte rauben.
Falsche Wege schlägst du ein:
Das heißt wohl Tyrann, nicht Herrscher sein!
Herrgott! deine Engelscharen
singen stets nur deinen Preis.
Doch dir wäre mehr vonnöten
einer, der zu tadeln weiß.
Und wer mag solches wagen? –
Lass mich, Herr, die Kappe deines Hofnarr'n tragen!
III. TEIL
DIE WILDE JAGD
WALDEMAR
Erwacht, König Waldemars Mannen wert!
Schnallt an die Lende das rostige Schwert,
holt aus der Kirche verstaubte Schilde,
gräulich bemalt mit wüstem Gebilde.
Weckt eurer Rosse modernde Leichen,
schmückt sie mit Gold, und spornt ihre Weichen;
nach Gurrestadt seid ihr entboten,
heute ist Ausfahrt der Toten!
BAUER
Deckel des Sarges klappert und klappt,
schwer kommt's her durch die Nacht getrabt.
Rasen nieder vom Hügel rollt,
über den Grüften klingt's hell wie Gold.
Klirren und Rasseln durchs Rüsthaus geht,
Werfen und Rücken mit altem Gerät,
Steinegepolter am Kirchhofrain,
Sperber sausen vom Turm und schrein,
auf und zu fliegt's Kirchentor –
MÄNNERCHOR
Holla!
BAUER
Da fährt's vorbei! – Rasch die Decke übers Ohr!
Ich schlage drei heilige Kreuze geschwind
Für Leut' und Haus, für Roß und Rind;
dreimal nenn' ich Christi Namen,
so bleibt bewahrt der Felder Samen.
Die Glieder auch bekreuz' ich klug,
wo der Herr seine heiligen Wunden trug.
So bin ich geschützt vor der nächtlichen Mahr,
vor Elfenschuß und Trollsgefahr.
Zuletzt vor die Tür noch Stahl und Stein,
so kann mir nichts Böses zum Haus herein.
WALDEMARS MANNEN
Gegrüsst, o König, an Gurre-Sees Strand!
Nun jagen wir über das Inselland, holla,
vom stranglosen Bogen Pfeile wir senden,
mit hohlen Augen und Knochenhänden,
zu treffen des Hirsches Schattengebild, holla,
daß Wiesentau aus der Wunde quillt, holla.
Holla, der Wallstatt Raben
Geleit uns gaben,
über Buchenkronen die Rosse traben, holla.
So jagen wir nach gemeiner Sag'
eine jede Nacht bis zum jüngsten Tag, holla.
Hussa Hund! Hussa Pferd!
Nur kurze Zeit das Jagen Währt!
Hier ist das Schloß, wie einst vor Zeiten!
Holla, Lokes Hafer gebt den Mähren,
wir wollen vom alten Ruhme zehren.
Holla.
WALDEMAR
Mit Toves Stimme flüstert der Wald,
mit Toves Augen schaut der See,
mit Toves Lächeln leuchten die Sterne,
die Wolke schwillt wie des Busens Schnee.
Es jagen die Sinne, sie zu fassen,
Gedanken kämpfen nach ihrem Bilde.
Aber Tove ist hier und Tove ist da,
Tove ist fern und Tove ist nah.
Tove, bist du's, mit Zaubermacht
gefesselt an Sees und Waldes Pracht?
Das tote Herz, es schwillt und dehnt sich –
Tove! Tove! Waldemar sehnt sich nach dir!
KLAUS-NARR
"Ein seltsamer Vogel ist so'n Aal,
im Wasser lebt er meist,
kommt doch bei Mondschein dann und wann
ans Uferland gereist."
Das sang ich oft meines Herren Gästen,
nun aber paßt's auf mich selber am besten.
Ich halte jetzt kein Haus und lebe äußerst schlicht,
und lud auch niemand ein und praßt' und lärmte nicht,
und dennoch zehrt an mir manch unverschämter Wicht,
drum kann ich auch nichts bieten, ob ich will oder nicht.
Doch – dem schenk ich meine nächtliche Ruh’,
der mir den Grund kann weisen,
warum ich jede Mitternacht
den Tümpel muß umkreisen.
Dass Palle Glob und Erik Paa
es auch tun, das versteh' ich so:
Sie gehörten nie zu den Frommen;
jetzt würfeln sie, wiewohl zu Pferd,
um den kühlsten Ort, weit weg vom Herd,
wenn sie zur Hölle kommen.
Und der König, der von Sinnen stets, sobald die Eulen klagen,
und stets nach einem Mädchen ruft, das tot seit Jahr und Tagen,
auch dieser hat's verdient und muß von Rechtes wegen jagen.
Denn er war immer höchst brutal,
und Vorsicht galt es allemal
und offnes Auge für Gefahr,
da er ja selber Hofnarr war
bei jener großen Herrschaft überm Monde. –
Doch daß ich, Klauss Narr von Farum,
ich, der glaubte, daß im Grabe
man vollkommne Ruhe habe,
daß der Geist beim Staube bleibe,
friedlich dort sein Wesen treibe,
still sich sammle für das große
Hoffest, wo, wie Bruder Knut
sagt, ertönen die Posaunen,
wo wir Guten wohlgemut
Sünder speisen wie Kapaunen –
ach, daß ich im Ritte rase,
gegen den Schwanz gedreht die Nase,
sterbensmüd im wilden Lauf, –
wär's zu spät nicht, ich hinge mich auf.
Doch o, wie süß soll's schmecken zuletzt,
werd' ich dann doch in den Himmel versetzt!
Zwar ist mein Sündenregister groß,
allein vom meisten schwatz ich mich los!
Wer gab der nackten Wahrheit Kleider?
Wer war dafür geprügelt leider? –
Ja, wenn es noch Gerechtigkeit gibt,
Dann muss ich eingehn ins Himmelsgaden, ...
na, und dann mag Gott sich selber gnaden!
WALDEMAR
Du strenger Richter droben,
du lachst meiner Schmerzen,
doch dereinst, beim Auferstehn des Gebeins,
nimm es dir wohl zu Herzen:
Ich und Tove, wir sind eins.
So zerreiß auch unsre Seelen nie,
zur Hölle mich, zum Himmel sie,
denn sonst gewinn' ich Macht,
zertrümmre deiner Engel Wacht
und sprenge mit meiner wilden Jagd
ins Himmelreich ein.
WALDEMARS MANNEN
Der Hahn erhebt den Kopf zur Kraht,
hat den Tag schon im Schnabel,
und von unsern Schwertern trieft
rostgerötet der Morgentau.
Die Zeit ist um!
Mit offnem Munde ruft das Grab,
und die Erde saugt das lichtscheue Rätsel ein.
Versinket! Versinket!
Das Leben kommt mit Macht und Glanz,
mit Taten und pochenden Herzen,
und wir sind des Todes,
der Sorge und des Todes,
des Schmerzes und des Todes.
Ins Grab! ins Grab! zur träumeschwangern Ruh' –
O, könnten in Frieden wir schlafen! In Frieden!
DES SOMMERWINDES WILDE JAGD
ORCHESTER-VORSPIEL
SPRECHER
Herrn Gänsefuß, Frau Gänsekraut, nun duckt euch nur geschwind,
denn des sommerlichen Windes wilde Jagd beginnt.
Die Mücken weichen ängstlich aus dem schilfdurchwachsnen Hain,
in den See grub der Wind seine Silberspuren ein.
Viel schlimmer kommt es, als ihr euch nur je gedacht.
Hu, wie's schaurig in den Buchenblättern lacht!
Das ist Sankt Johanniswurm mit der Feuerzunge rot,
und der schwere Wiesennebel, ein Schatten bleich und tot!
Welch Wogen und Schwingen!
Welch Ringen und Singen!
In die Ähren schlägt der Wind in leidigem Sinne,
daß das Kornfeld tönend bebt;
mit den langen Beinen fiedelt die Spinne,
und es reißt, was sie mühsam gewebt.
Tönend rieselt der Tau zu Tal,
Sterne schießen und schwinden zumal,
flüchtend durchraschelt der Falter die Hecken,
springen die Frösche nach feuchten Verstecken.
Still! Was mag der Wind nur wollen?
Wenn das welke Laub er wendet,
sucht er, was zu früh geendet:
Frühlings blauweiße Blütensäume,
der Erde flüchtige Sommerträume –
längst sind sie Staub!
Aber hinauf, über die Bäume
schwingt er sich nun in lichtere Räume,
denn dort oben, wie Traum so fein,
meint er, müßten die Blüten sein!
Und mit seltsamen Tönen
in ihres Laubes Kronen
grüßt er wieder die schlanken schönen.
Sieh! nun ist auch das vorbei,
auf luftigem Steige wirbelt er frei
zum blanken Spiegel des Sees,
und dort, in der Wellen unendlichem Tanz,
in bleicher Sterne Widerglanz
wiegt er sich friedlich ein. –
Wie stille ward's zur Stell'!
Ach, war das licht und hell!
O schwing dich aus dem Blumenkelch, Marienkäferlein,
und bitte deine schöne Frau um Leben und Sonnenschein.
Schon tanzen die Wogen am Klippenecke,
schon schleicht im Grase die bunte Schnecke;
nun regt sich Waldes Vogelschar,
Tau schüttelt die Blume vom lockigen Haar
und späht nach der Sonne aus.
Erwacht, erwacht, ihr Blumen zur Wonne!
GEMISCHTER CHOR
Seht die Sonne!
Farbenfroh am Himmelssaum
östlich grüßt ihr Morgentraum!
Lächelnd kommt sie aufgestiegen
aus den Fluten der Nacht,
läßt von lichter Stirne fliegen
Strahlenlockenpracht.




